Zuerst ist die Storie des Jahres zu lesen. Die hat nämlich kein Ende und geht hier monatlich weiter....

März 2020

 

Bernhard Dickhut

 

Knut

 

Aufatmen. Zunächst mal aufatmen. Sie waren gerettet. Alle vier. Und Fritz, der auch vier war, meinte, „gut, dass der Sturm hier nicht rein darf.“ „Hunde auch nicht“, meinte Merle. Und schon waren die drei in der Spielecke verschwunden. Dafür tauchten drei andere Gestalten auf. Die drei Müllers von der Supermarktbodenreinigung: Josef, Johann und Jochen.

 

„Herr Pommerenke, wir haben den Bohnerwachs gegen Ihren Bodenbalsam Porsche XP3 ausgetauscht“, berichtete Josef etwas aufgeregt.
„Gehen Sie herein und Sie werden staunen. In der Gemüseabteilung riecht es nun erdig nach frischen Kartoffeln, vor der Milch nach Jogurt, bei den Fleischwaren ganz leicht nach frisch Gebratenem. Sie sind einfach der Größte!“, fuhr Johann fort und verbeugte sich tief vor Herrn Pommerenke.

 

Der mochte es, wenn man sich vor ihm verbeugte. Schließlich hatte er jede einzelne Verbeugung verdient. Ja, er hatte es richtig gut gemacht. So machte er einige stolze Schritte in Richtung der Kassen. Doch schon während er dort tief einatmete, bemerkte er, hier stimmte etwas nicht. Er roch Rosen, wo es niemals nach Rosen hätte riechen sollen.

 

„Und an den Kassen“, erläuterte Josef weiter, „riecht es nach Moschus. Alle Kunden greifen so beseelt in ihre Geldbörsen und geben gern und viel zu viel.“

 

Pommerenke stutzte. Er schnäuzte sich mehrfach und schnüffelte wiederholt. Doch es nutzte nichts. Der Rosenduft blieb und dann sah er sie, die Rosenduftgründin: Jolita Müller, die Schwester der drei Müllers, die ihn anstrahlte, als sei er gar nicht verheiratet, als sei er immer noch Knut Gantenbein, als sei er immer noch 16 und sie 15, als wolle sie immer noch ihr Mundwasser mit dem seinen austauschen, als habe er nie die Krankenpflegeschule besucht, als habe er - als Krankenpfleger - nie versucht bei irgendeiner der Ärztinnen zu landen, als sei er nie von Frau Doktor Kerstin Pommerenke in die Wäschekammer gedrängt worden, als habe er sich nie genau von dieser Frau Doktor Kerstin Pommerenke vor den Traualtar führen lassen, als habe er nie fast sein ganzes Leben dem ihren geopfert.

Nur seinen Erfindergeist, den hatte er nicht geopfert.

 

Und nun dies.

 

Seine vollkommene Erfindung durchkreuzt ausgerechnet von Jolita Müller. Mit ihrer grenzenlosen Liebe zu Knut Pommerenke hatte sie diesen Rosenduft ausgelöst. Diesen Duft, der im Stande war alle weiteren Gerüche zu übertönen. Wahrscheinlich hatte sie diesen überschwänglichen Rosenduft sogar nur für seine Nase kreiert. Nur er, Knut Pommerenke geborener Gantenbein ganz allein sollte die Rosen riechen. Ach, hätte er doch mit Jolita Müller damals nur das ausprobiert, was man mit 16 so ausprobiert. Aber natürlich hatte er sie schon damals in die große weite Welt der Düfte entführt, um ihr noch mehr zu imponieren.

 

Das war ein riesengroßer Fehler. Leider nicht mehr zu ändern.

 

Pommerenke würde seine Rezeptur noch einmal überarbeiten. Er würde in seiner grenzenlosen Genialität einen Jolita-Müller-Rosenduft-Neutralisierer einbauen. Genau das würde er tun. Dann wäre alles perfekt.

 

„In der Waschmittelabteilung riecht es nach Lavendel“, erklärte Jochen. „Soweit ist alles gut. Aber in der Käseabteilung, da riecht es…, da geht keiner mehr gern rein…“

 

(Fortsetzung folgt im April 2020)

Danke auch an die Zusendungen und Ideen - die Ruhrleser