Zuerst ist die Storie des Jahres zu lesen. Die hat nämlich kein Ende und geht hier monatlich weiter....

Dezember 2020

 

 

 

Bernhard Dickhut

 

 Familie Pommerenke – Zwölfter Akt

 

 

Und doch kam es ganz anders.

 

Zum einen meinte Armin Lachet auch private Feiern zu reglementieren. Letztendlich sollten beschäftigungslose Übungsleiter aus Sportvereinen in den Familien, die Einhaltung der Anordnungen sicherstellen und in 60minütlichen Zyklen Lungenstabilitätsübungen durchführen, zum anderen wünschte sich Kerstin – obwohl sie nichts ahnen konnte – plötzlich ein Fest nur mit ihm und den Kindern, die den ganzen Tag in ihrem Zimmer mit pädagogisch wertvollen Kinderstreaming Diensten beschäftigt werden würden.

 

Es hätte so schön werden können. Hätte. Hätte. Er hatte allen abgesagt.

 

Punkt elf Uhr saß Knud am Küchentisch und konnte nicht mehr. Er war fix und alle. Während Kerstin ihm Liebesschwüre und Aussichten auf eine Hochzeitsnacht der ganz besonders intimen Weise ins Ohr flüsterte, dachte er an die Ereignisse dieses Jahres, das ihn völlig leer gepumpt hatte. Er war sich sicher, an diesem Tag würde er nur auf diesem einen Stuhl sitzen bleiben. Komme, was wolle. Es sei denn… . Aber das würde sein Geheimnis bleiben.

 

Aber auch da irrte er sich.

 

Er dachte an die sprechende Bushaltestelle, an die Gerüche im Supermarkt und bei den säuselnden Worten von Kerstin an Jolita. Noch immer ahnte er nicht, was um ihn herum geschah.

 

Dann  verließ Kerstin in ihrem bunt mit Ornamenten geschmückten Kleid kurz die Küche. Nur wenige Momente später trat Jolita ein. Wo auch immer sie hergekommen sein mochte. Auch sie begann zu säuseln in fast identischen Worten.

 

Die Kinder hörte er in ihrem Zimmer friedlich Kinderstreaming Diensten lauschen.

 

Einen Moment dachte er daran, die Küche, die Ehe und die Kinder zu verlassen, um mit Jolita einfach abzuhauen. Er dachte an Kopulation im Dezember. Auf frostigem Tau. Doch er konnte sich von diesem Stuhl nicht lösen.

 

Und dann sah er, dass sie nicht einmal eine Maske trug. Knud war entsetzt. Was sollte das? Schließlich war das Tragen von Masken in Fremdwohnungen vorgeschrieben. In diesem Fall wäre es auch aus anderen Gründen ratsam gewesen. Denn nur so hätte Jolita unerkannt bleiben können. Jolita hatte gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, wahrscheinlich hatte sie noch mehr verbrochen. Konnte sie morden?

 

Wo war Kerstin überhaupt.

 

Er sprang auf. „Was hast Du mit Kerstin gemacht?“, schrie er sie an. „Was ist mit den Kindern?“, schrie er weiter.

 

Sie lächelte ihn noch immer verliebt an, als die Tür aufging und Kerstin eintrat.

 

Knud setzte sich und kniff die Augen zu und öffnete sie wieder. Aber es blieb dabei. Kerstin trug das gleiche Kleid wie Jolita und Jolita lächelte genauso wie Kerstin. Es war zum Verzweifeln. Wer war jetzt eigentlich Jolita und wer Kerstin? Sie waren wie Klone. Und dann trat noch eine dritte Jolita/Kerstin ein. „Ja“, sagte diese dritte, als sie auf ihn zutrat. „Wir wollten es Dir schon immer sagen. Aber jetzt ist es soweit. Ich bin Jo, das ist Lita und das ist Kerstin. Und jede von uns hat ein Kind von Dir. Und Du hast aber sowas von nix gemerkt. Wir lieben Dich alle drei!“

 

Endlich, dachte Knud. Er lächelte. Aber  er ersparte sich sämtliche Erläuterungen. Er rief einfach:

 

„Jungs, kommt rein!“

 

 

 

(Damit ist die Geschichte der Pommerenkes auserzählt. Es nahm ein gutes Ende. Deshalb können wir uns beruhigt zurücklehnen, die Zeit genießen. Solange bis wieder neue Aufgaben auf uns zukommen.)

Danke auch an die Zusendungen und Ideen - die Ruhrleser