Zuerst ist die Storie des Jahres zu lesen. Die hat nämlich kein Ende und geht hier monatlich weiter....

September 2020

 

Bernhard Dickhut

 

Fies sein geht auch

 

Neunter Akt

 

 

 

 

Natürlich wusste er nicht, ob sein Plan klappen könnte. Aber bisher war es immer gut gegangen. Das machte ihm Mut. Klar war, Jolita würde niemals aufgeben. Zu sehr war ihr Ego angekratzt. Das ging einfach gar nicht. Aber er hatte sich für Kerstin entschieden. Mit ihr hatte er drei Kinder. Von ihr wollte er sich nicht trennen. Klar, am Anfang war die Sache mit Kerstin noch Kalkül. Fast alle Krankenbrüder auf der Station wollten nur eines. Eine Ärztin.

 

Krankenschwestern gab es ja kaum. Es war nun mal wie Putzmann oder Verkäufer ein typisch männlicher Beruf. Wie aufgeklärt die Zeit auch war. Männliche Pastoren in der katholischen Kirche waren undenkbar. Da regierte die Päpstin Franziska mit eiserner Hand.

 

Ja, Kerstin hatte ihn angesprochen, ihn eingeladen und er hatte sich ihr hingegeben. Ja, zunächst hatte er nur an Sicherheit gedacht. Aber dann wurde es doch zur Liebe. Das galt es zu retten.

 

Er dachte an früher, an die Schule. Wo die Jungs immer auf den vorderen Plätzen saßen. Schüchtern und lieb hatten sie immer ihre Hausaufgaben gemacht. Ganz anders die Mädels, die immer auf den hinteren Plätzen saßen, wo sie Kaugummis unter Tische klebten, Popel in den Klassenraum schnipsten, wo sie nach den Kloppereien in der Pause wieder Platz nahmen. Sie waren ekelhaft.

 

Erst mit der Pubertät änderte sich das. Als Marlies, die größte Schlägertype, meinte, er – Knut – sähe verdammt gut aus und es wäre an der Zeit zu knutschen, da war er glücklich. Aber Marlies hatte ihn bald abgeschossen. Es kamen Elisabeth und Erika und dann Jolita. Sie war eine Klasse höher und hatte wie alle Mädels aus ihrer Klasse schon ein Moped. Da glaubte Knut schon, es sei die große Liebe. Bis auch Jolita ihn abschoss.

 

Dann kamen die Mädels, die zum Schluss nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Obwohl er sie abgeschossen hatte. Und genau das wollte er jetzt auch bei Jolita schaffen. Er hatte diese Mädels nicht einfach abgeschossen. Er hatte sich Mühe gegeben. Er hatte ihnen inbrünstige Liebesbriefe geschrieben und diese in einen Duft getaucht, der ekliger kaum sein konnte. Eine seiner Meistercuvées .  Er selbst musste sich bei dem Geruch fast übergeben.

 

Als er mit Mitte zwanzig Jolita zufällig wiedertraf, fuhr sie ein Sport Coupé, im Sommer offen. Sie trug diese tollen Sonnenbrillen, die er noch aus Miami Vice von Donna Johnson kannte und sie hatte ihm gesagt: „Mit Dir kann ich mich überall blicken lassen!“

 

Ja, es war eine tolle Zeit. Aber er hatte sich für Sicherheit und Kerstin entschieden.

 

Und Jolita musste weg.

 

 

 

 

(Fortsetzung folgt im Oktober 2020)

Danke auch an die Zusendungen und Ideen - die Ruhrleser