August 2021

Bernhard Dickhut

Wenn ich Gott wäre...

Das – ihre Betonung hatte sich auf dieses DAS gestürzt – DAS hast Du gesagt, fragte sie glucksend, um dann doch noch richtig los zu geiern. Mit allem drum und dran. Sie schlug sich klatschend auf ihre Schenkel. Sie schüttelte sich in Begeisterung. DAS gibt es nicht. Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie der geguckt hat. Dann setzte das Glucksen, Geiern und Schenkelschlagen wieder ein. Diesmal ließ sie sogar ihre Augen noch tränen.

Er schmunzelte nur.

Er genoss ihre Begeisterung.

Das ist nicht mehr zu toppen, meinte sie und spielte mit ihrer Zunge in seinem Gesicht herum bis sie den Weg in seinen Mund fand, bis sie sich die Kleider vom Leib gerissen hatten, bis sie sich schwitzend geliebt hatten und entspannt nebeneinander zu liegen kamen.

Dass Du das gesagt hast.

Ist mir auch erst im Nachhinein klar geworden. Ich hab es einfach so gesagt, weil es plötzlich da war. In meinem Mund. Wie Deine Zunge eben. Einfach Intuition. Oder von höherer Warte zu mir gesendet.

Göttlich, meinte sie.

Genau, sagte er.

Sie spielte mit ihrem Zeigefinger an seinem Ohr und stockte einen Moment.

Wenn Du Gott wärest, was würdest Du tun, fragte sie.

Wenn ich Gott wäre?

Er zuckte mit den Schultern. Stand kurz auf, um eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank zu holen. Der Gedanke interessierte ihn.

Wenn ich Gott wäre, sagte er und stieß mit ihr an.

Dann ... was würde ich dann tun?

Du würdest die Ungerechtigkeit ...

Natürlich würde ich die Ungerechtigkeit besiegen, unterbrach er sie. Jeder kriegt das, was ihm zusteht. Politiker könnten nur noch die Wahrheit sagen und könnten sich falsche Versprechungen gar nicht vorstellen. Verleumder und Möchtegernalleswisser hätten keine Chance. Bayern München würde niemals mehr deutscher Meister.

Oder besser noch: ich würde etwas anderes tun. Oder besser noch: ich würde gar nichts tun. Aber ich könnte alles. Ich könnte überall dabei sein. Gleichzeitig in Amerika, in Asien und einfach überall. Ich würde alle Sprachen verstehen. Ohne geübt zu haben.

Wer übt, kann nichts, ergänzte sie und lachte ihr ansteckendes Lachen.

Er schmunzelte.

Ich wüsste als erster Bescheid, wenn wer in Washington irgendeine Scheiße plant, wer mit wem die Wahl gewinnt, wie man Corona einfach besiegen kann. Ich wüsste, wann ein öffentliches Dementi wahr oder gequirlte Scheiße ist. Ich wüsste, ob Mats Hummels noch mit seiner Cathy kann. Ich wüsste alles. Wer mit wem und wer nicht mehr mit wem. Ich würde Journalist. Top Journalist. Fakten Fakten Fakten und alles ist ganz genauso wie ich es schreibe.

Genauso, echote sie.

Sie lachte nicht.

Alle würden mich fragen, den begnadetsten Journalisten aller Zeiten. Das Beste ist, ich würde niemals für die BILD schreiben. Und, sagte er, ich wüsste alles über alle – auch über Dich. Ich könnte Dich noch besser verstehen. Wenn ich Gott wäre, dann ginge es uns gut, sagte er und sah sie an.

Gut, antwortete sie ganz langsam mit einem verdammt langen uh. Gut, dass Du nicht Gott bist.

Sie stellte ihr Sektglas ab, griff nach ihren Sachen und zog sich ohne Eile an. Ohne ein weiteres Wort verließ sie die Wohnung.

Erst als er ihre Schritte auf der Treppe klackern hörte, konnte er wieder sprechen. Er rannte. Nackt wie er war zur Tür, riss sie auf und schrie hinter ihr her:

Ich bin nicht Gott! Ich bin nicht Gott!

Seine Nachbarin sah ihn kopfschüttelnd an und murmelte etwas von einem griechischen Durchschnittsgott.

 

 

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