März 2021

Bernhard Dickhut

 

Ich brauche keine Millionen

 

Ich brauche weiter nichts als nur ein bisschen...

 

 

Schon bevor ich den Chip in der Hand hatte, schon bevor ich den Chip aus der Hand in die Buchse gelegt hatte, schon bevor ich den Chip hab einrasten lassen, schon bevor sich dieser eine Einkaufswagen vom Rest der weiteren Einkaufswagen lösen hat lassen und ich diesen Einkaufswagen endlich für mich ganz allein hatte, schon vor all dem hatte ich dieses Gefühl. Verwirrt, alleingelassen, hilflos. Da wünschte ich mir nur eines und das von ganzem Herzen. Ich wünschte mir Orientierung. Was ist gut, was schlecht, was richtig, was falsch, was wahr, was nicht stimmt. Ich wünschte mir, ich würde all das finden, was sie mir auf den Zettel geschrieben hatte. Gern würde ich auf den Lottogewinn verzichten, wenn ich das Weizenmehl 630 überhaupt finden würde.

 

Nur diesen einen Wunsch hatte auf diesem Parkplatz. Wie jedes Mal, wenn ich dort vor dem Einkaufszentrum mein Auto zwischen all die anderen Autos stelle. Zwischen all den Kunden, die das Geheimnis der Unendlichkeit von Gängen, Auslagen,  Angeboten von Lebensmitteln gelöst hatten. So wie ich in Baumärkten Schrauben, Lötkolben oder Silikon blind finden konnte.

 

Einzig würde ich mir wünschen, mal wieder so einen Zettel zu bekommen, solche wie früher, die sie mir oft genug zugesteckt hatte. Mit all den Liebesschwüren, mit all den kleinen Nettigkeiten, mit all den zarten Anzüglichkeiten. Doch ich wusste, diesmal würden wichtigste Banalitäten wie Milch und Mehl  darauf stehen, Banalitäten, die ich womöglich niemals würde finden können.

 

Manchmal hatte ich geplant mich zu rächen und ihr einen Einkaufszettel für den Baumarkt zu schreiben, mit all den Wichtigkeiten, die ich dringlich benötigte. Aber meine Angst war zu groß, sie würde problemlos alles finden und fände das so normal, dass sie nicht einmal Dank dafür erwarten würde.

So beseelt betrat ich also den Laden. Ich hatte ihn zuvor in 16 exakt gleichgroße Areale aufgeteilt, mit Gängen nach Westen, nach Osten, nach Norden und nach Süden. Die passierten Tomaten würde ich im Quadranten D, im Gang nach Westen, in unterster Reihe finden. Ich war mir sicher. Natürlich waren sie dort nicht zu finden, stattdessen stand dort Karl-Heinz. Er hatte eine Theorie.

Sein Wagen war wie meiner komplett leer. Wie ich trug er seinen Einkaufszettel offen in der Hand. Er hätte sogar einen Stift zum Abhaken dabei, den er noch nie hätte nutzen können. Seine Theorie war: Warengruppen würden selbst entscheiden, ob sie verkauft werden wollen, mit welchen Kunden sie mitgehen würden, von wessen Händen sie sich anfassen lassen würden, in wessen Mündern sie letztendlich verschwinden würden. Merkwürdigerweise würden sie sich von Lisa, seiner Frau anstandslos einkaufen lassen.

 

Er sei bereits seit vier Stunden im Laden. Die Verkäufer hätten ihm gesagt, selber finden und merken helfe bei den nächsten Einkäufen. Für ihn sei hier nichts zu holen. Dann fällt ihm ein, beim letzten Mal, sei er frisch geduscht gewesen, da habe er alles problemlos erhalten, daher wolle er kurz duschen, er komme gleich wieder und weg  war er. Ich wünschte mir eine Fee, die mir sieben Wünsche erfüllen könnte. Sieben Wünsche, sieben Artikel, ein Zettel. Wenigstens die passierten Tomaten. Aber nix. Ich fragte eine Verkäuferin, die mich mitleidig ansah und „Männer“ murmelte. Dabei stellte sie mir die Dose in den Wagen. Diesmal hat der Wunsch geklappt.

 

Dann kam Heiko. Er glänzte mit einem fast vollen Wagen. Er musste wahllos in die Regale gegriffen haben. Aber erklärte mir seine neue App. Die würde ihn durch den Laden führen und alles finden, was er suche. Sogar die Dose mit den passierten Tomaten habe er nun gefunden, nahm sie aus meinem Wagen und fuhr davon.

 

Ich würde den Verkäufer nicht noch mal nach den passierten Tomaten fragen können. Ich würde jetzt aufgeben, nach Hause fahren, die App herunterladen, mich duschen, rasieren, eindeodorieren, Lisa von Karl-Heinz entführen, meinen Zettel abarbeiten und, wenn ich dann alles hätte, würde ich mit allen, erfolgreichen Einkäufen, in den letzten Winkel des Ladens weiterziehen. Dort gibt es ein Büro. Dort sitzt die Chefin des Marktes. Sie würde alles sofort verstehen. Sie würde mir einen Zettel  zustecken. Denn sie ist die beste. Sie wird es immer sein. Die Chefin vom Supermarkt, meine Frau, die stets all meine Vorschläge zur Verbesserung der Orientierung ausschlägt.

Dabei könnte man die Waren so sortieren, dass jeder sie finden könnte: nach Farben, nach Preisen, nach Gewicht, nach Herkunftsländern, nach dem Alphabet, nach Geschmackrichtungen, nach Füllmengen, nach meist verkauften oder weniger verkauften.

Aber auf Karl-Heinz, Heiko oder mich hört ja keine Filialleiterin.

 

 

 

 

 

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