Dezember 2021

 

Bernhard Dickhut

Ohne Licht

 

 

 

Plötzlich ist es ganz dunkel. Ich hatte nicht einmal das Klacken des Hauptschalters gehört. Schon den ganzen Tag über war es nicht richtig hell geworden. Aber so dunkel wie jetzt, war es noch nie. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern.

 

Es ist nicht nur dunkel, es ist auch still.

 

Ich höre das Schnacken der Haustür, die Trippelschritte von Benno, unserem Hund, sogar das Tasten meiner Frau nach dem Handtuch, damit Benno in die Wohnung darf.

 

Es ist der vierte Advent. Es ist früh am Abend. Ungefähr sechs. Die Straßenlaternen sind genauso aus, wie auch die Lichter in den Nachbarhäusern. Meine Frau sagt, es sei finster.

 

Wir ertasten den Wassernapf und stellen ihn Benno hin. Er scheint sich besser zurechtzufinden. Er schlabbert und verschwindet in seinen Korb. Wir tasten uns weiter zur Schublade im Wohnzimmerschrank, zur Taschenlampe. Wir haben sie lang nicht benutzt. So hat sie kaum noch Kraft und funzelt uns zum Sicherungskasten. Aber alle Sicherungen sind geschaltet. Stromausfall im ganzen Viertel.

 

Wir finden auch die Streichhölzer und zünden die Kerzen am Adventskranz an. Dann weitere Kerzen im Wohnzimmer und in der Küche. Ich hole den Grill aus dem Keller, stelle ihn auf die Terrasse, zünde mit einer Papierfackel die Holzkohle an. Es ist kalt. Ich beobachte die Glut von innen durch das Fenster. Ich denke, sobald ich den Suppentopf auf den Rost stelle, geht das Licht wieder an. Es ist aber nicht so.

 

Also muss ich zum Rühren in die Kälte und schnell wieder ins Haus. Der warme Schein der Kerzen nimmt auch meinen Körper ein. So ist Wohlfühlen. Wir essen die Suppe. Sie schmeckt uns besser als sonst.

 

Danach setzten wir uns wie jeden Sonntag ins Wohnzimmer. Doch der Fernseher bleibt schwarz. Gleich kommt die Tagesschau, denke ich. Und meine Frau fragt, wer ermittelt heute im Tatort. Ich weiß es nicht und zucke mit den Schultern.

 

Auch die Zeit scheint langsamer voran zu schreiten. Irgendwann steht meine Frau auf. Ich koche uns einen Tee. Die Glut vom Grill reicht. Sie kommt mit der heißen Kanne zurück. Ich denke, an die Carrera-Bahn für unseren Enkel. Nur noch ein paar Tage, dann ist Heiligabend. Dann soll er sie bekommen. Nicht mal die kann ich testen.

 

Ich frage meine Frau, freust Du Dich auf Heiligabend? Ja, sagt sie mit langgezogenem Ah. Es klingt nur halbüberzeugt. Und Du? fragt sie. Auch ich ziehe das AH in die Länge. Es geht alles so schnell, sagt sie. Gestern war noch Sommer, heute ist der vierte Advent und morgen ist Ostern. Alles wird organisiert bis es da ist. Und bis es da ist, gibt es viel zu tun. Vielleicht, meint sie, ist es nur noch eine nette Erwartung.

 

Ich schweige und überlege, wann ich mich das letzte Mal so richtig gefreut habe. Sie erzählt von früher, als sie selbst noch ein Kind war. Von der Adventszeit, die so lange dauerte und vom überwältigenden Glück endlich am Heiligabend den geschmückten Baum zu sehen und die Geschenke auszupacken.

 

Und Du, fragt sie.

 

Mir fällt ein, wie ich als junger Mann von der Arbeit gekommen bin, auf dem Weg zu meiner kleinen Wohnung war und ich sie unbedingt sofort anrufen wollte. Und dann stand sie da. Vor dem Haus. Ich weiß nicht, ob es Glück war oder Freude.

 

Zu Heiligabend in unserer Kindheit fällt uns beiden die verschlossene Wohnzimmertür ein. Wie der Schlüssel geholt wurde, wie auch die Erwachsenen andächtig zu sein schienen und wir Kinder vor Spannung und Freude fast zerplatzten.

 

Haben wir überhaupt einen Schlüssel für die Wohnzimmertür, frage ich. Den brauchen wir, meint sie.

 

Wir schmieden Pläne, wie wir den Heiligabend gestalten wollen. Mit unseren Kindern und dem Enkel. Auf jeden Fall würden wir uns in der Küche treffen und erst viel später den Schlüssel zücken.

 

Wir schweigen eine Weile. Ich spürte, es gibt sie noch die richtige Freude auf Heiligabend. Dann steht sie auf und setzt sich neben mich. Ich lehne meinen Kopf an ihre Schulte. Auch Benno gesellt sich zu uns.

 

Als das Licht plötzlich wieder angeht, stehe ich auf, Benno geht ganz nah mit mir zum Sicherungskasten. Ich stelle den Hauptschalter aus und gehe mit Benno zum Wassernapf. Aber die Stimmung ist verflogen. Mir fallen die Fußballergebnisse ein und frage mich, warum die mir einfallen.

 

Ich will verdammt nochmal nicht an Fußball denken.

 

 

 

 

 

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