Familie Pommerenke (2020)

 

Erster Aufschlag Januar 2020

Ingo Rosner

Familie Pommerenke

 

Die Feiertage standen bevor und es gab viel zu tun. Meine Frau hatte Dienst im Krankenhaus und ich musste mit den drei Kindern alles erledigen. Ja, wenn die Kinder jetzt schon groß gewesen wären, dann hätten die ja mithelfen können, aber so ...? Merle war gerade mal drei, Fritz vier und Leon sechs Jahre alt. Da weißte manchmal gar nicht, ob du Männchen oder Weibchen oder beides bist, wenn die aufdrehen.

 

Wie dem auch sei, Nahrungsmittel oder besser noch: Lebensmittel mussten her, wenn wir zum Fest nicht nur Brot und Bockwürstchen essen wollten. Also ich hatte Appetit auf einen Rollbraten und ich bin der Chef von der Truppe, wenn meine Frau mal nicht da ist. Sonst ist sie der ... die Chefin.

Es war usselig draußen. Der Regen peitschte die Straße entlang und der Wind blies, als ob er sich über was geärgert hätte und seinen Unmut nun an uns Menschen auslassen wollte. Ich sorgte dafür, dass wir alle unsere Gummistiefel und unsere "Friesen-Nerze" anzogen. So waren wir zumindest gegen ein völliges Einweichen geschützt. Jetzt nix wie raus in die Sturmfluten.

 

Fritz bestand darauf, seinen Regenschirm mitzunehmen und ich versuchte, es ihm auszureden mit dem Hinweis: "Du kennst doch die Geschichte vom fliegenden Robert aus dem Struwwelpeter-Buch. Lass den Schirm lieber hier, sonst bist du gleich der erste, der mit dem Wind nach Gelsenkirchen fliegt. Und da wohnt Tante Henriette und da willst du doch auf keinen Fall hin oder?"

 

Das hat gesessen, pädagogisch nicht sehr wertvoll, aber für mehr hat die Zeit eben nicht gereicht. Ergebnis gleich null. "Wenn der Schirm nicht mitkommt, bleibe ich auch hier!" schallte es mir entgegen. Ok., eins zu eins, dachte ich, der Klügere gibt nach. "Gut, dann nimm den Schirm mit, aber halt dich mit der anderen Hand an Leon fest."

 

Weil Fritz seinen Schirm mitnehmen durfte, stellte Merle jetzt ihre Forderung: "Ich will nicht gehen, ich will mit dem Dreirad fahren" posaunte es aus ihr raus. "Lieber Gott, Merle", hörte ich mich reden, "der Wind schmeißt dich und dein Dreirad sofort um, wenn ihr rauskommt." "Ich kann aber nicht so weit gehen", jammerte sie, "ich hab' aua Bein." "Gut, gut", willigte ich ein, "aber heul' nicht rum, wenn der Wind dich vom Rad pustet." "Puste ich eben zurück!" erwiderte sie trotzig. Gute Idee, dachte ich so bei mir. Kinderlogik, wenn alles so einfach wär'.

 

Bevor ich, im Treppenhaus stehend, die Wohnungstür abschloss, drehte ich mich zu Leon um, und fragte ihn, schon etwas genervt, vorsichtshalber: "Und was möchte der Herr noch gerne?" "Können wir endlich gehen, ich hab' kein'n Bock mehr zu warten." Auch 'ne Meinung!

 

In der Ecke neben der Hauseingangstür unseres Sechsfamilienhauses, stand Fritzens Dreirad. Das nahm ich in die linke, öffnete mit der rechten Hand die Hauseingangstür und begab mich mit meinen drei Schützlingen auf unsere erste 'Waterworld-Reise'.

 

 

Zweiter Aufschlag Februar 2020

Joachim Müller
Familie Pommerenke Akt zwei

 

Hui, hui, wie saust und braust es so nett,

wie Gardinen ziehen die Regenfahnen.

 Bleibt heute lieber mal schön im Bett,

 Dazu muss ich euch ernst ermahnen.

 

Als Sturmtief komme ich heute daher

 und bläh` meine dunklen Wolken auf.

 Ich zog mir das Wasser aus brausendem Meer

 und hatte in England auch schon ein`n Lauf.

 

Hole den Schwung auf den freien Flächen,

 mich stört da kein Baum und auch kein Strauch.

 Hier, wo sich Landreformen rächen,

 weil der Agrarkult die Flächen doch brauch'.

 

Mit wildem Schwung kommt jetzt aus der Höhe,

 mein Hagelschauer in die Stadt.

 Die Körner hüpfen, je wilder die Böe,

 schon schön, wer`s mal gesehen hat.

 

Oh, da kommt ein Stadtgebiet,

 Häuser, Dächer, Einzelbäume.

 In das mein Windfeld fröhlich zieht,

 zerzauseln werd' ich eure Räume.

 

Mein Regen wird die Böden weichen,

 die Haltekraft der Wurzeln geht.

 So wird die nächste Böe reichen

 und mancher Baum wird umgeweht.

 

Wer tritt denn dort aus Zwergentür,

 ein Vater mit der Kinderschaar.

 Die Kinder können nichts dafür,

 das Papa nicht dies' Wetter sah.

 

So kleine Schirmchen, leichte Kinder,

 die will ich nun mal fröhlich necken.

 Zu Hause bleiben wär gesünder,

 mit heißem Tee und dicken Decken.

 

Hui, hui, da fliegt die erste Mütze,

 das Schirmchen klappt ich einfach um.

 Das Dreirad schieb ich in die Pfütze

 ach, sind die Menschenkinder dumm.

 

Jetzt lös ich Ziegel aus dem Dache

 und werfe einen vor euch hin.

 Das ist schon eine wilde Sache,

 weil ich kein laues Lüftchen bin.

 

Den nächsten auf ein Autodach,

 dort sitzt ein altes Fräulein drinnen.

 Und sicher ist sie jetzt hellwach,

 vielleicht erschreckt, vielleicht von Sinnen.

 

Ich rüttel, schüttel an den Bäumen

 und kracks, da fällt ein dicker Ast.

 Im Rinnstein sieht man's gurgelnd schäumen,

 Familie, renne ohne Rast!

 

 Ich will euch doch nur nett erschrecken

 und mit euch Sturmerprobung spielen.

 Es soll euch für das Wetter wecken,

 sensibel zu den Klimazielen.

 

Da nimmt er`s Kindlein auf den Arm

 und lässt das Dreirad einfach stehen.

 Er hält es sicher, er hält es warm,

 der Supermarkt ist schon zu sehen.

 

 Der Wind, er reißt den Schirm hinfort,

 so wird es schnell ein Riesenschreck.

 Erreichen nass den Einkaufsort,

 doch Schirm und Dreirad sind jetzt weg.

 

 

Dritter Aufschlag März 2020

Bernhard Dickhut

Knut

 

Aufatmen. Zunächst mal aufatmen. Sie waren gerettet. Alle vier. Und Fritz, der auch vier war, meinte, „gut, dass der Sturm hier nicht rein darf.“ „Hunde auch nicht“, meinte Merle. Und schon waren die drei in der Spielecke verschwunden. Dafür tauchten drei andere Gestalten auf. Die drei Müllers von der Supermarktbodenreinigung: Josef, Johann und Jochen.

„Herr Pommerenke, wir haben den Bohnerwachs gegen Ihren Bodenbalsam Porsche XP3 ausgetauscht“, berichtete Josef etwas aufgeregt.
„Gehen Sie herein und Sie werden staunen. In der Gemüseabteilung riecht es nun erdig nach frischen Kartoffeln, vor der Milch nach Jogurt, bei den Fleischwaren ganz leicht nach frisch Gebratenem. Sie sind einfach der Größte!“, fuhr Johann fort und verbeugte sich tief vor Herrn Pommerenke.

Der mochte es, wenn man sich vor ihm verbeugte. Schließlich hatte er jede einzelne Verbeugung verdient. Ja, er hatte es richtig gut gemacht. So machte er einige stolze Schritte in Richtung der Kassen. Doch schon während er dort tief einatmete, bemerkte er, hier stimmte etwas nicht. Er roch Rosen, wo es niemals nach Rosen hätte riechen sollen.

„Und an den Kassen“, erläuterte Josef weiter, „riecht es nach Moschus. Alle Kunden greifen so beseelt in ihre Geldbörsen und geben gern und viel zu viel.“

Pommerenke stutzte. Er schnäuzte sich mehrfach und schnüffelte wiederholt. Doch es nutzte nichts. Der Rosenduft blieb und dann sah er sie, die Rosenduftgründin: Jolita Müller, die Schwester der drei Müllers, die ihn anstrahlte, als sei er gar nicht verheiratet, als sei er immer noch Knut Gantenbein, als sei er immer noch 16 und sie 15, als wolle sie immer noch ihr Mundwasser mit dem seinen austauschen, als habe er nie die Krankenpflegeschule besucht, als habe er - als Krankenpfleger - nie versucht bei irgendeiner der Ärztinnen zu landen, als sei er nie von Frau Doktor Kerstin Pommerenke in die Wäschekammer gedrängt worden, als habe er sich nie genau von dieser Frau Doktor Kerstin Pommerenke vor den Traualtar führen lassen, als habe er nie fast sein ganzes Leben dem ihren geopfert.

Nur seinen Erfindergeist, den hatte er nicht geopfert.

Und nun dies.

Seine vollkommene Erfindung durchkreuzt ausgerechnet von Jolita Müller. Mit ihrer grenzenlosen Liebe zu Knut Pommerenke hatte sie diesen Rosenduft ausgelöst. Diesen Duft, der im Stande war alle weiteren Gerüche zu übertönen. Wahrscheinlich hatte sie diesen überschwänglichen Rosenduft sogar nur für seine Nase kreiert. Nur er, Knut Pommerenke geborener Gantenbein ganz allein sollte die Rosen riechen. Ach, hätte er doch mit Jolita Müller damals nur das ausprobiert, was man mit 16 so ausprobiert. Aber natürlich hatte er sie schon damals in die große weite Welt der Düfte entführt, um ihr noch mehr zu imponieren.

Das war ein riesengroßer Fehler. Leider nicht mehr zu ändern.

Pommerenke würde seine Rezeptur noch einmal überarbeiten. Er würde in seiner grenzenlosen Genialität einen Jolita-Müller-Rosenduft-Neutralisierer einbauen. Genau das würde er tun. Dann wäre alles perfekt.

„In der Waschmittelabteilung riecht es nach Lavendel“, erklärte Jochen. „Soweit ist alles gut. Aber in der Käseabteilung, da riecht es…, da geht keiner mehr gern rein…“

 

Vierter Aufschlag April 2020

Ingo Rosner

Familie Pommerenke - Vierter Akt

 

Ja, in der Käseabteilung musste nachgebessert werden, das bisherige Ergebnis roch etwas zu streng, das war auch Knut Pommerenke klar. "Einmal feudeln in der Käseabteilung und dann etwas von dem "Sanestizin" drüber, dann müsste es gehen", war seine kurze und knappe Anweisung an die drei Müllers von der Supermarktreinigung.

Die drei waren dankbar für diesen Hinweis und zogen von dannen.

So, jetzt noch schnell alles eingekauft, was auf dem Einkaufszettel steht und dann ab nach Hause, dachte er bei sich. Da klingelte sein Handy. "Schatz, was ist? Klopapier? Ja, warte mal." Er ging zwei Regale weiter. "Wieder keins da! So ein Mist. Möchte wissen, was die sich dabei denken", entfuhr es ihm. "Wir müssen doch alle mal sch ...". "Knut!" herrschte seine Frau, Frau Doktor Kerstin Pomerenke, ihn an. "Bitte nicht diese vulgären Ausdrücke. Ich kann dich ja versteh'n, aber wir müssen jetzt das Beste aus dieser Situation machen. Kauf doch bitte ein Paar Windeln XXL für dich und mich, für den Notfall". "Ja, Schatz", antwortete er widerstrebend und beendete damit das Telefonat.

Wie entwürdigend, mit Erwachsenen-Windeln durch den Tag zu gehen im Notfall, nur weil andere sich wegen der Pandemie nicht zurückhalten können und vor lauter Sorge so viel Klopapier eingekauft haben die letzten Tage, dass sie ihr Haus mit Klopapier einhüllen könnten, wenn sie nur wollten. So wie damals, im Sommer 1995, als das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude das Reichstagsgebäude in Berlin mit aluminiumbedampftem Polyprophengewebe eigehüllt haben.

Bummms! Was war das denn? Ein Geschepper dröhnte durch den Laden, das man meinte, die Russen ... "Fritz, hör mit dem Quatsch auf!". Das war doch die Stimme von Leon, seinem Sechsjährigen. Der maßregelte seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Fritz, der auf die glorreiche Idee kam, mit drei Apfelsinen Büchsenwerfen zu spielen. Ehrlich gesagt, dafür boten sich die zu einem Turm aufgetürmten Büchsenmilchdosen zum Sonderpreis aber auch derart an, dass Knut trotz aller Aufregung auch ein bisschen Verständnis für seinen Sprössling hatte. "Fritz, nein, hör sofort auf damit", widerfuhr es ihm, obwohl er sich ein verhaltenes Grinsen nicht verkneifen konnte. Am liebsten hätte er auch mal so richtig ... und sofort waren ihm die Russen äußerst sympathisch.

"Lass mal, Knut, ich mach' das schon", sagte Jolita Müller, um erneut Pluspunkte bei ihrer "alten Liebe" zu sammeln. "Danke, Jolita, sehr nett von dir. Ich muss dann mal ... nach Hause. Tschüss."

Schnell alles eingekauft, zur Kasse, bezahlt und alles eingepackt. Und jetzt ab nach Hause. Vor der Ladentür dann das Gejammer. Fritzens Schirm weg und Merles Dreirad ebenso. "Hab' ich euch doch gleich gesagt, dass es viel zu stürmisch ist für eure Sachen. Aber ich wolltet ja nicht auf mich hören."

"Papa, Arm!", rief Merle, die Dreijährige. Nach langem Hin und Her nahm Knut Pommerenke seine Tochter auf die Schultern und die beiden Einkaufstaschen in die linke und rechte Hand. Leon nahm seinen Bruder Fritz an die Hand. An der Bushaltestelle hätte Knut seiner Tochter beinahe den Kopf gestoßen, als er mit ihr auf der Schulter in den Bus einstieg. Aber was tut man nicht alles für seine Kleinen.

 

Fünfter Aufschlag Mai 2020

Joachim Müller

Der Fünfte Akt

 

Steigen sie bitte hinten ein“, sagte der Busfahrer. „Hallo, wo ist denn ihr Mund – Nasenschutz mein Herr? Und, wie alt sind überhaupt die Kinder?“

Der herzlose Busfahrer setzte sein Hausrecht, eigentlich Busrecht, durch und ließ die vier nicht mitfahren. Also, standen sie wieder in der Bushaltestelle, wo sie wegen des immer noch sehr starken Regens verweilen mussten.

 

Oh wartet nur ihr schnöden Leute

 mein Dach gibt Schutz vor Regenfluten,

 ihr seid mir nicht die ersten heute,

 doch seid ihr welche von den guten.

 

Nun setzet euch in Schalensitze,

 von unten schäbig voll geklebt.

 Und Taschentuch in jeder Ritze,

 in dem das Virus weiter lebt.

 

Mich gab es schon zu Kaisers Zeiten

 hier machten Postillione halt.

 Um mit den Briefen frisch zu reiten,

 ich hör noch, wie das Posthorn schallt.

 

Doch diese Zeit ist lang gelaufen

 und mit ihr ist der Glanz vorbei.

 Ich seh hier Menschen einsam saufen

 und manchen macht auch Haschisch high.

 

Heut steh ich auf gestählten Stelzen,

 mit eingeklebtem Sicherglas.

 An das sich deine Kinder wälzen

 und an den Füßen wächst mir Gras.

 

Auch häufig hebt ein Hund sein Bein,

 das sorgt alsbald für fiesen Rost.

 Wie kann ich da nur glücklich sein,

 bei Regen, Wind und Winterfrost.

 

Wie gern biet ich verliebten Schutz,

 mit Schmetterlingen in den Därmen.

 Hier kratzte Laura, sie liebt Lutz,

 der konnte sie so herrlich wärmen.

 

Ihr ahnt ja nicht, was ich schon sah,

 von Liebe, Lügen bis zu Leichen.

 Bemerkte, wie ein Mord geschah,

 Ihr würdet auf der Stell` erbleichen.

 

Nun geht, der Himmel lichtet sich,

 nimm deine Kinder, Vater Knut.

 Ich weiß es ja, du hörst mich nich

 und auch nicht deine Blagenbrut

 

Der Regen hörte auf und Knut nahm seine Taschen und die Kinder um den beschwerlichen Weg zurück nach Hause anzutreten.

Er blickte noch einmal zurück zur Haltestelle, sagte unvermittelt: „Danke!“ und erschrak. Von irgendwoher kam ein „Bitte!“

 

Bernhard Dickhut

Der sechste Akt

Die Bushaltestelle

 

Das hatten alle vier gehört. Sie drehten sich um und sahen auf die rostlädierte Bushaltestelle. Merle stellte fest: „Die kann ja sprechen!“ Leon, der älteste der Kinder ergänzte: „Jau!“ und Fritz war nicht zu halten. Er lief hin, küsste die verschmierte Plexiglasscheibe und verzog sein Gesicht: „Baaa“. Den mit eingeschaltetem Martinshorn nahenden Rettungswagen nahmen sie gar nicht wahr.

Der jedoch bremste kurz hinter ihnen ab. Vom Beifahrersitz sprang Kerstin Pommerenke aufs Trottoir. Sie lief auf die Kinder zu. Es sei so schön sie zu sehen, ihre Kinder. Sie drückte ihnen schnelle Küsse auf die Stirn und dann raste sie zu Knut. Den küsste sie auf den Mund. Leider habe sie gar keine Zeit. Es sei ein Notfall, ein Herzinfarkt. Da komme es  auf jede Sekunde an. Und so sprang sie wieder in den Rettungswagen, um das Leben zu retten, um sich über den Asphalt rasen zu lassen.

Die vier winkten ihrer davonrauschenden Mutter, seiner Frau und dem Herzinfarkt her. Hinter ihnen räusperte sich die Bushaltestelle. Eine redende Bushaltestelle, das war doch Unsinn. Das wussten die drei Kinder natürlich nicht. Aber Knut, der hatte seine Zweifel. Er inspizierte alles ganz genau. Er fand einen Lautsprecher. Er fand eine Antenne. Er fand im Haus gegenüber eine Erklärung. Er sah wie sich dort eine Gardine zuzog.

Sie überquerten  die Straße. Kurz vor dem Klingelknopf sahen sie noch einmal eine Wallung in besagter Gardine. Schon drückte der Zeigefinger, wo er zu drücken hatte. Schon öffnete sich die Tür. Schon traten sie ein. Sofort fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.

„Wir gehen lieber wieder“, forderte Leon. Doch die Tür war verschlossen. So folgten sie dem Flur zu einer offenen Tür. Vor ihnen lag das Wohnzimmer. An der rechten Längswand stand eine zweisitzige Couch, davor ein schmaler niedriger Tisch, darauf zwei leere Sektgläser, ein Tetra Pak naturtrüber Apfelsaft, ein mit Wasser halbgefüllt schlankes Bierglas, in dem wiederum zwei wunderschöne rote Rosen standen.

Als die vier das Zimmer betraten, ertönte zunächst ganz leise eine zarte Musik. Die krächzende Stimme kam Knut bekannt vor. Satchmo. Luis Armstrong. What a wonderful world. Die Kinder konnten den Sänger nicht kennen, war er doch schon vor vielen, vielen Generationen von Kindergartenkindern verstorben. Auch Knut kannte ihn nur aus der Erinnerung seiner Eltern.

Sie gingen weiter in den Raum. Plötzlich bemerkte Merle: „Wie das duftet!“

Und ja. Es war ein Duft, der bezauberte, der den Einklang schaffte, zwischen Rosen, Musik und naturtrübem Apfelsaft. Der alles einhüllte.

Der vor allem eines verströmte. Das reine wahre Glück.

Vom Flur her vernahmen sie ein zartes Rascheln unterstützt von einem glasklaren Glockenton.

Sie drehten sich um…

 

Ingo Rosner

 Familie Pommerenke

Siebter Akt

 

... und da war sie wieder. Jolita Müller, engelsgleich in einem purpurnen Gewand, mit einer selbstgebastelten Krone aus Stanniolpapier auf dem Kopf, einer Triangel in der rechten und einer Räucherkerze der Marke "Rosianna in der Höhe" in der linken Hand. "Da bist du ja, mein stolzer Recke und hast deine drei kleinen Lichtgestalten mitgebracht. Hallo, ihr Lieben", grüßte sie die Kinder.

Knut stand wie zu einer Salzsäule erstarrt da, mit offenem Mund und schnappte nach Luft. "Komm, Papa, lass uns gehen", sagte Leon, "die Alte hat ja 'ne Schramme."

"Ich find' sie schön", trällerte Merle. Fritz zog seinen Papa am Ärmel, sodass er sich zu ihm runter beugte und flüsterte ihm für alle gut vernehmlich ins Ohr, "Papa, ist die Frau krank?" "Das möchte ich auch gerne wissen", flüsterte er zurück.

Nachdem er sich gefasst hatte, wandte er sich energisch an Jolita mit den Worten: "Jolita, was soll der Quatsch! Du hast uns ganz schön irritiert und außerdem ... ich bin verheiratet, was soll also der Zirkus?"

"Ich weiß, mein Liebster", säuselte Jolita ihm zu und schien durch den Raum zu schweben, da man ihre Füße in dem übergroßen Gewand nicht sah. "Du kannst doch weiterhin verheiratet sein und mich ab und zu besuchen. Dann trinken wir ein Gläschen Sekt und die Kinder eine erfrischende Apfelschorle. Dabei können wir unsere alte Musik hören und ein bisschen Hippie-Flair mit meinen Räucherkerzen erzeugen."

"Und was ist mit den Kindern? Was machen die die ganze Zeit? Sollen die etwa ..."

"Überraschung!", donnerte es und von hinten kamen die drei Müller-Brüder von Jolita in den Raum, Josef, Johann und Jochen. Josef mit einer Gurke in der Hand, Johann mit seiner alten Super-8-Filmkamera und Jochen mit einer Perücke à la Atze Schröder und einem großen Pappplakat in den Händen, auf dem nichts stand, also keine Worte, keine Zeichen, keine Bilder, rein gar nichts.

Sie bauten sich vor Knut auf, schauten sich gegenseitig an und prusteten dann wie auf Kommando los: "Verstehen Sie Spaaaaaß?" Josef hielt ihm dabei die zum Mikrofon herhaltende Gurke unter die Nase und fragte: "Herr Pommerenke, wie fühlen Sie sich, wenn Sie zu diesem traumhaften, na sagen wir albtraumhaften Treffen Stellung beziehen möchten?"

"Habt ihr zu viel Apfelschorle getrunken oder zu viel Rosenduft geschnuppert?", polterte es aus Knut heraus. "Was soll das hier werden, wenn es fertig ist?" "Generalprobe", entgegnete Jochen kurz und bündig. Im gleichen Atemzug drehte er schnell sein Pappplakat um, auf dem mit Fingerfarben in bunter Schrift Versehen Sie Spaß stand. "Verstehen schreibt man mit 't', du Künstler!" "Oh", wiederfuhr es Jochen, "gut, dass das jetzt passiert, wo wir noch proben." 

"Wofür in aller Welt probt ihr denn, ihr Laiendarsteller", wollte Knut jetzt endgültig wissen. "Na, für deinen 15. Hochzeitstag", offenbarte ihm Josef (mit der Gurke). "Wir wollen deine Frau damit überraschen mit dieser Nummer, wenn ihr das nächste Mal gemeinsam im Supermarkt einkaufen kommt." "Auch als Außenwerbung und so", ergänzte Johann, der jetzt auch mal sagen wollte.

 

 

Jo Müller

 Familie Pommerenke

 Achter Akt

 

Die Situation war verfahren. Hatte Jolita ihre Liebe nur vorgegaukelt?  Sie steckte augenscheinlich mit ihren Brüdern unter einer Decke. Knut fühlte sich gehörnt, denn ein Funke Zuneigung, vielleicht sogar alte verrostete Liebe fristeten in ihm ein klägliches Dasein.

Der stürmische Tag war nun auch schon weit fortgeschritten. Knuts Kinder hatten heute schon vieles erlebt, was auf keinen Fall kindgemäß war und die Einkäufe dümpelten in den Tragetaschen...

 

Ehemals aus Plastikflaschen

 liebevoll und stark verwoben,

 sind wir Einkaufstragetaschen

 ökologisch schon zu loben.

 

Bieten für so Vieles Hülle,

 doch für Einkäufe gemacht.

 Altglas, Altpapier Gemülle

 wird mit uns gern weggebracht.

 

Nur, wenn Einkauf zu lang dümpelt,

 schlecht sortiert hinein gelegt.

 Wird zu Hause spät entrümpelt,

 weil so manches Gut zerlegt.

 

Toastbrot hat die Form verloren,

 Tomaten sind schon aufgebrochen.

 Nektarinen angegoren,

 wobei sie auch schon vorher rochen.

 

Eier sind jetzt angetickt,

 Joghurt hat `nen Riss im Becher,

 durch den der Joghurt langsam sickt,

 ergießt sich in `nem weiten Fächer.

 

Alles warm, was grad` noch kalt,

 alles weich, was fest gekauft.

 Junger Gauda ist nun alt,

 Camembert ist ganz zerlauft.

 

Oh, ich arme Tragetasche,

 niemand wird mich innen putzen.

 Immerzu die gleiche Masche,

 wird man mich wohl noch benutzen?

 

Werd ich dies noch überleben,

 oder ist das Ende nah?

 Spür‘s in mir so furchtbar kleben,

  war so lang zum Tragen da.

 

Die Situation für die Einkäufe würde sich kurzfristig nicht verbessern. Lediglich für die Kinder könnte der Tag etwas kindgerechter werden.

Die Müllers aber waren euphorisch. Die Umsetzung zum Hochzeitstag würde das Ganze nochmals toppen. Schließlich gab es noch so einiges zu feilen, zu schmirgeln, zu glätten. Und glatt sollte es werden. Schließlich wünschte sich Jolita nichts Sehnlicheres, als dass Kerstin Pommerenke ordentlich ausrutschen und sich riesige Hämatome zuziehen würde. Und genau das würde passieren. Da war sie sich mit ihren Brüdern einig.

Demgegenüber fand Knut „Verstehen sie Spaß“ furchtbar. Er musste es halt neben dem Familienoberhaupt, seiner Frau und den Kindern immer anschauen. An diesen Abenden genoss er die Wege in den Keller, um ihr frisches kühles Bier zu bringen.

Viel lieber sah Knut Rateshows. Rätseln, da kannte er sich aus. Das fordert seinen Erfindergeist.

Die Kinder blickten wie zufällig in die Einkaufstaschen und begannen mit den darin befindlichen Exponaten zu spielen. Dies veränderte die Einkäufe sowie das Aussehen der Kinder.

Endlich sah Knut eine Chance dieser verfahrenen Situation zu entkommen.

 

 

Bernhard Dickhut

 Fies sein geht auch

 Neunter Akt

 

Natürlich wusste er nicht, ob sein Plan klappen könnte. Aber bisher war es immer gut gegangen. Das machte ihm Mut. Klar war, Jolita würde niemals aufgeben. Zu sehr war ihr Ego angekratzt. Das ging einfach gar nicht. Aber er hatte sich für Kerstin entschieden. Mit ihr hatte er drei Kinder. Von ihr wollte er sich nicht trennen. Klar, am Anfang war die Sache mit Kerstin noch Kalkül. Fast alle Krankenbrüder auf der Station wollten nur eines. Eine Ärztin.

Krankenschwestern gab es ja kaum. Es war nun mal wie Putzmann oder Verkäufer ein typisch männlicher Beruf. Wie aufgeklärt die Zeit auch war. Männliche Pastoren in der katholischen Kirche waren undenkbar. Da regierte die Päpstin Franziska mit eiserner Hand.

Ja, Kerstin hatte ihn angesprochen, ihn eingeladen und er hatte sich ihr hingegeben. Ja, zunächst hatte er nur an Sicherheit gedacht. Aber dann wurde es doch zur Liebe. Das galt es zu retten.

Er dachte an früher, an die Schule. Wo die Jungs immer auf den vorderen Plätzen saßen. Schüchtern und lieb hatten sie immer ihre Hausaufgaben gemacht. Ganz anders die Mädels, die immer auf den hinteren Plätzen saßen, wo sie Kaugummis unter Tische klebten, Popel in den Klassenraum schnipsten, wo sie nach den Kloppereien in der Pause wieder Platz nahmen. Sie waren ekelhaft.

Erst mit der Pubertät änderte sich das. Als Marlies, die größte Schlägertype, meinte, er – Knut – sähe verdammt gut aus und es wäre an der Zeit zu knutschen, da war er glücklich. Aber Marlies hatte ihn bald abgeschossen. Es kamen Elisabeth und Erika und dann Jolita. Sie war eine Klasse höher und hatte wie alle Mädels aus ihrer Klasse schon ein Moped. Da glaubte Knut schon, es sei die große Liebe. Bis auch Jolita ihn abschoss.

Dann kamen die Mädels, die zum Schluss nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Obwohl er sie abgeschossen hatte. Und genau das wollte er jetzt auch bei Jolita schaffen. Er hatte diese Mädels nicht einfach abgeschossen. Er hatte sich Mühe gegeben. Er hatte ihnen inbrünstige Liebesbriefe geschrieben und diese in einen Duft getaucht, der ekliger kaum sein konnte. Eine seiner Meistercuvées .  Er selbst musste sich bei dem Geruch fast übergeben.

Als er mit Mitte zwanzig Jolita zufällig wiedertraf, fuhr sie ein Sport Coupé, im Sommer offen. Sie trug diese tollen Sonnenbrillen, die er noch aus Miami Vice von Donna Johnson kannte und sie hatte ihm gesagt: „Mit Dir kann ich mich überall blicken lassen!“

Ja, es war eine tolle Zeit. Aber er hatte sich für Sicherheit und Kerstin entschieden.

Und Jolita musste weg.

 

Ingo Rosner

 Familie Pommerenke 

Zehnter Akt

 

Jolita Müller, Jolita Müller, Jolita Müller. Dieser Name, diese Frau ging Knut Pommerenke nicht mehr aus dem Kopf.

 

Der Hochzeitstag nahte, der fünfzehnte. Alle Vorbereitungen waren getroffen - trotz Corona. "Scheiß auf alles" sagte sich Knut und lud 46 Verwandte, Freunde und Bekannte zu sich nach Hause ein in die rd. 94 qm große oder sollte er besser sagen kleine Wohnung. 

Seine Frau Kerstin durfte davon nichts wissen, alle durften eigentlich nichts davon wissen, außer den Geladenen 46 Personen. Das Ganze war ein wochenlang vorher ausgeklügelter Plan, ähnlich dem in dem Kinofilm, "Oceans Eleven". Na ja, vielleicht nicht ganz so ausgeklügelt, aber immerhin ein Plan.

Mit den Einladungen hatte Knut bereits zehn Wochen vor dem großen Fest begonnen, in dem er alle geladenen Gäste heimlich besuchte unter einem Vorwand engster Verschwiegenheit. Er wollte keine Spuren hinterlassen und hatte keine Einladungen schriftlich verfasst oder gar E-Mails versandt. Mündliche Nachrichten, so von Knut zu ... wem auch immer, da war er sich mit sich einig, würden nur auffliegen, wenn er abgehört werden konnte. Aber wer wollte einen Knut Pommerenke abhören. Der CIA, der BND oder gar Bill Gates selber?

Nein, das lief alles wie geschmiert, kostete ihn nur acht Samstage, in denen er Kerstin vorgaukelte, er würde sich - wie jeden Samstagnachmittag - mit seinen Skatbrüdern treffen, um für die im Herbst in der Westfalenhalle stattfindende deutsche Meisterschaft zu trainieren. Der Samstagnachmittag war für Knut ein heiliger Tag, sein heiliger Tag, heiliger als Weihnachten, wenn man ihm glauben darf. Andere gingen zum Fußballspiel ins Stadion, er ging zum Skatspielen. Fußball, lachte er jedes Mal höhnisch, wenn er auf seine Skatleidenschaft angesprochen wurde, das ist was für Jedermann, für jeden Gebildeten, Ungebildeten, für Hinz und Kunz, Fritz und Franz, Thünnes und Schäl, Tom und Jerry meinetwegen, aber doch nicht für Knut. Dafür war ihm seine Freizeit zu schade.

Skatspielen, das war gute alte Tradition, das kam von ganz unten, das war noch nicht vom großen Geld durchfressen, da musste man nicht seine vollends tätowierten Arme zeigen, wenn man über den Rasen lief, für kein überregional bekanntes Unternehmen Werbung auf dem Trikot machen und am Ende eines Spiels irgendeinem Reporter schweißdurchtränkt irgendwelche blöden Fragen beantworten, hatte dieser doch das Spiel in voller Länge gesehen und konnte sich seine eigene Meinung bilden.

Nicht mit Knut, Skat war etwas für Außenseiter, die das Besondere lieben, mit etwas zutiefst Bodenständigem und wenn es nach Knut ginge, wäre es von der fünften Klasse an Pflichtfach an allen Schulen.

Wie dem auch sei, allen Gästen hatte er "Bescheid gegeben", sie sollen ja schweigen anderen gegenüber und er hatte allen einen Vorwand genannt, den sie erzählen sollten, wenn sie später mal gefragt werden, wo sie denn an dem Tag X gewesen wären. Alle sollten sagen, sie hätten im Wald Pilze gesucht, aber leider keine gefunden, nur ein paar Tannenzapfen. Was für eine brillante Lüge, so etwas konnte nur einem hellen Kopf wie Knut entspringen.

Allen Gästen hatte er eingebläut, bloß nicht mit dem Auto anzureisen, damit in der Nachbarschaft keine Gerüchte diesbezüglich aufkommen konnten und seine Anwohner selber keinen Platz für ihre Fahrzeuge vor dem Haus bzw. in ihrer Straße finden. Allen hatte er genau vorgeschrieben, wann sie zu kommen hätten und dass er sie um das Haus herum hinten über den Hof durch die Kellertür einließe. Wenn sie jemanden von den Nachbarn im Treppenhaus des 8-Parteienhauses treffen würden, hatte er sich als Ausrede ausgedacht, die kämen gerade zufällig vorbei und wollten nur mal kurz seine Toilette benutzen.

Damit in der hellhörigen Wohnung die Geräusche der 46 Gäste nicht nach außen dringen (wegen der Corona-Vorschriften und um seine Mitbewohner nicht unnötig nervös zu machen), hatte Knut vorgesehen, die Wände mit Eierpappen zu bekleben, die großen auf denen 6 x 6 Eier Platz haben. Davon hatte er 218 Stück nach und nach "organisiert" und im Keller gelagert. Dafür hatte er dem Eierverkäufer, von dem er die Pappen hatte, zugesagt, dass er an jedem der nächsten sechs Wochenenden 3 Hühner oder Hähne kaufen würde, entweder als Suppenhühner oder Brathähnchen. So war der Deal unter Männern.

An dem Wochenende, an dem der fünfzehnte Hochzeitstag stattfindet, hat seine Frau Dienst im Krankenhaus und übernimmt noch für eine Kollegin einen zusätzlichen Dienst. Mit seiner Frau Kerstin hatte er vereinbart, an dem darauffolgenden Sonntag schön essen zu gehen in einem 4-Sterne Restaurant.

Das war natürlich auch gelogen, alles Plan "Knuts fifteenth". So hatte er sich einen genügenden Zeitrahmen geschaffen, um die ganzen Eierpappen mit der Heißklebepistole an die Zimmerwände und Türen zu befestigen. Die Kinder waren an diesem Wochenende bei Oma zu Besuch und sollten erst am Samstagnachmittag zurückkommen.

Doch dann ...

 

 

Joachim Müller

 Familie Pommerenke – Elfter Akt

 

Doch dann passierte, was passieren musste, die Müllers bekamen Wind von der heimlichen Feier. Mitten im Corona – Herbst. Eine private Feier mit 46 Gästen...

Natürlich musste Knut beginnen für seine Gäste einzukaufen und das ging nur in Müllers Supermarkt. Seine Einkaufsstrategie war, die Einkäufe über den Tag so verteilt zu erledigen, dass sie in den verschiedenen Dienstzeiten der Müllers liegen. Da war Knut geschickt.

Alles hätte klappen können, wenn da nicht der Sonderverkaufsständer „Redereime für festliche Anlässe“ im Kassenbereich gestanden hätte. Natürlich wusste Knut, dass er für seine Gäste eine Rede zu halten hätte.

Zumal es der brisanteste der Hochzeitstage war, die „Gläserne Hochzeit“. Ganz anders als die „Lederne“ nach 3 Jahren, zu der er sich eine echte bayrische Lederhose organisiert hatte, obwohl sie an ganz andere Leder dachte, die aber eher nach Latex rochen. Oder die „Blecherne“ nach 8 Jahren, zu der er heimlich das gesamte Blechblasensemble der ansässigen Musikschule organisiert hatte.  Oder die „Jade Hochzeit“ nach 26 Jahren. Nein, es war der gläserne Hochzeitstag, Synonym für Zerbrechlichkeit.

Nach 15 Jahren durchschauen sich Ehepartner komplett, sind für einander gläsern. Man kennt voneinander jede Masche, alle Tricks und alle ehemaligen Heimlichkeiten. Nichts liegt mehr im Verborgenen, von der Anzahl der Biere zu einem gewonnenen Fußballspiel bis zur Art, wie das Papier auf der Ablage des Flachspülers zum täglichen Stuhlgang gelegt wird.

Eine brillante Hochzeitstagsrede würde der Kitt für viele weitere Hochzeitstage sein. Das wusste Knut ganz genau. Er schlug das Buch auf und blätterte sich von den Sprüchen zu einer gelungenen Geburt über Trauerreden mit Humor bis zu den Hochzeitstagegedichten durch. 

 

Zur Hochzeit kommen wir heut all
Und singen Euch mit frohem Schall:
Im Sonnenschein mögt Ihr stets wandern
Nie mehr allein, nah mit dem andern.
Und wenn die Sonne mal nicht scheint
und bitterlich der Himmel weint,

 habt ihr einander immer fort.

 Denn so vermeidet ihr den Mord.
Drum bleibt zufrieden, froh und heiter
Auf jedem Tritt der Eheleiter.

 

liest Knut. Ist zu unpersönlich denkt er, dann doch lieber:

 

Kerstin und Knut,

die Ehe war gut.

Sie soll es auch sein

für immer zu zwein.

 

 Vielleicht aber noch etwas Witzigeres, dachte er:

 

15 Jahre Hochzeitstorte,

 15 Jahre viele Worte.

 Nein, die Liebe ist nicht kalt,

 nur die Torte ist zu alt.

 

Knut hatte nicht bemerkt, dass Jolita Müller hinter ihm stand. Leise säuselte sie in sein Ohr. So nah, dass er ihre Zunge fast spüren konnte:

  

15 Jahre voll Entbehrung,

 15 Jahre Lieb`verzehrung.

 Sieh` es ein oh scharfer Knut,

 auch meine Liebe tät dir gut.

 

Knut drehte sich erschrocken sehnsüchtig um, erwartete Kerstins Stimme und Kerstins Zunge! Doch er blickte in Jolitas glänzenden Augen. Es roch nach Rosenduft, obwohl es im Kassenbereich doch immer nach Portemonnaie Leder zu riechen hatte.

 

Oh, ihr wollt wohl heimlich feiern,

 euern Hochzeitstag mit allen.

 Wollt nur dieses Fest verschleiern,

 könnt mir dort wohl auch gefallen.

 

Knut wurde blass und blasser. Augenscheinlich wollte Jolita die Teilnahme der Müllers an seiner „Gläsernen Hochzeit“ erpressen. Die neue Corona-Schutzverordnung lässt 46, mit den Müllers 50 Gäste, aus 37 Haushalten nicht ungestraft durchgehen.

Damit hatte Jolita ihn in der Hand.

 

Oh Jolita, alte Schnecke,

 bring ich dich nicht gleich zur Strecke,

 wird mein Hochzeitstag geschrottet

 und mein Name wird verspottet.

 Würdest unsre Feier sprengen

 und die Kerstin mir verdrängen.

 

 Jolita hatte die zündende Idee. Wenn Knut die Feier zu einem Maskenball machen würde, könnten die Müllers Inkognito erscheinen.

 

 Knut, ich will ein Maskenfest,

 unerkannt sind alle Gäst.

 Nur mit uns darf Feiern sein

 ich weiß schon, das ist gemein.

 Also, hol uns mit dabei,

 sonst gibt’s abends Polizei.

 

Knut hatte keine Wahl. Zurück konnte er nicht mehr, nach all der Vorbereitung. Auch seine 46 anderen Gäste würden sich nicht mehr abwimmeln lassen.

 

 Also, gut, wir woll'n es wagen,

 Hochzeitstag in ein paar Tagen.

 

 

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