Familie Pommerenke (2020)

 

Erster Aufschlag Januar 2020

Ingo Rosner

Familie Pommerenke

 

Die Feiertage standen bevor und es gab viel zu tun. Meine Frau hatte Dienst im Krankenhaus und ich musste mit den drei Kindern alles erledigen. Ja, wenn die Kinder jetzt schon groß gewesen wären, dann hätten die ja mithelfen können, aber so ...? Merle war gerade mal drei, Fritz vier und Leon sechs Jahre alt. Da weißte manchmal gar nicht, ob du Männchen oder Weibchen oder beides bist, wenn die aufdrehen.

 

Wie dem auch sei, Nahrungsmittel oder besser noch: Lebensmittel mussten her, wenn wir zum Fest nicht nur Brot und Bockwürstchen essen wollten. Also ich hatte Appetit auf einen Rollbraten und ich bin der Chef von der Truppe, wenn meine Frau mal nicht da ist. Sonst ist sie der ... die Chefin.

Es war usselig draußen. Der Regen peitschte die Straße entlang und der Wind blies, als ob er sich über was geärgert hätte und seinen Unmut nun an uns Menschen auslassen wollte. Ich sorgte dafür, dass wir alle unsere Gummistiefel und unsere "Friesen-Nerze" anzogen. So waren wir zumindest gegen ein völliges Einweichen geschützt. Jetzt nix wie raus in die Sturmfluten.

 

Fritz bestand darauf, seinen Regenschirm mitzunehmen und ich versuchte, es ihm auszureden mit dem Hinweis: "Du kennst doch die Geschichte vom fliegenden Robert aus dem Struwwelpeter-Buch. Lass den Schirm lieber hier, sonst bist du gleich der erste, der mit dem Wind nach Gelsenkirchen fliegt. Und da wohnt Tante Henriette und da willst du doch auf keinen Fall hin oder?"

 

Das hat gesessen, pädagogisch nicht sehr wertvoll, aber für mehr hat die Zeit eben nicht gereicht. Ergebnis gleich null. "Wenn der Schirm nicht mitkommt, bleibe ich auch hier!" schallte es mir entgegen. Ok., eins zu eins, dachte ich, der Klügere gibt nach. "Gut, dann nimm den Schirm mit, aber halt dich mit der anderen Hand an Leon fest."

 

Weil Fritz seinen Schirm mitnehmen durfte, stellte Merle jetzt ihre Forderung: "Ich will nicht gehen, ich will mit dem Dreirad fahren" posaunte es aus ihr raus. "Lieber Gott, Merle", hörte ich mich reden, "der Wind schmeißt dich und dein Dreirad sofort um, wenn ihr rauskommt." "Ich kann aber nicht so weit gehen", jammerte sie, "ich hab' aua Bein." "Gut, gut", willigte ich ein, "aber heul' nicht rum, wenn der Wind dich vom Rad pustet." "Puste ich eben zurück!" erwiderte sie trotzig. Gute Idee, dachte ich so bei mir. Kinderlogik, wenn alles so einfach wär'.

 

Bevor ich, im Treppenhaus stehend, die Wohnungstür abschloss, drehte ich mich zu Leon um, und fragte ihn, schon etwas genervt, vorsichtshalber: "Und was möchte der Herr noch gerne?" "Können wir endlich gehen, ich hab' kein'n Bock mehr zu warten." Auch 'ne Meinung!

 

In der Ecke neben der Hauseingangstür unseres Sechsfamilienhauses, stand Fritzens Dreirad. Das nahm ich in die linke, öffnete mit der rechten Hand die Hauseingangstür und begab mich mit meinen drei Schützlingen auf unsere erste 'Waterworld-Reise'.

 

 

 

Zweiter Aufschlag Februar 2020

Joachim Müller
Familie Pommerenke Akt zwei

 

Hui, hui, wie saust und braust es so nett,

wie Gardinen ziehen die Regenfahnen.

 Bleibt heute lieber mal schön im Bett,

 Dazu muss ich euch ernst ermahnen.

 

Als Sturmtief komme ich heute daher

 und bläh` meine dunklen Wolken auf.

 Ich zog mir das Wasser aus brausendem Meer

 und hatte in England auch schon ein`n Lauf.

 

Hole den Schwung auf den freien Flächen,

 mich stört da kein Baum und auch kein Strauch.

 Hier, wo sich Landreformen rächen,

 weil der Agrarkult die Flächen doch brauch'.

 

Mit wildem Schwung kommt jetzt aus der Höhe,

 mein Hagelschauer in die Stadt.

 Die Körner hüpfen, je wilder die Böe,

 schon schön, wer`s mal gesehen hat.

 

Oh, da kommt ein Stadtgebiet,

 Häuser, Dächer, Einzelbäume.

 In das mein Windfeld fröhlich zieht,

 zerzauseln werd' ich eure Räume.

 

Mein Regen wird die Böden weichen,

 die Haltekraft der Wurzeln geht.

 So wird die nächste Böe reichen

 und mancher Baum wird umgeweht.

 

Wer tritt denn dort aus Zwergentür,

 ein Vater mit der Kinderschaar.

 Die Kinder können nichts dafür,

 das Papa nicht dies' Wetter sah.

 

So kleine Schirmchen, leichte Kinder,

 die will ich nun mal fröhlich necken.

 Zu Hause bleiben wär gesünder,

 mit heißem Tee und dicken Decken.

 

Hui, hui, da fliegt die erste Mütze,

 das Schirmchen klappt ich einfach um.

 Das Dreirad schieb ich in die Pfütze

 ach, sind die Menschenkinder dumm.

 

Jetzt lös ich Ziegel aus dem Dache

 und werfe einen vor euch hin.

 Das ist schon eine wilde Sache,

 weil ich kein laues Lüftchen bin.

 

Den nächsten auf ein Autodach,

 dort sitzt ein altes Fräulein drinnen.

 Und sicher ist sie jetzt hellwach,

 vielleicht erschreckt, vielleicht von Sinnen.

 

Ich rüttel, schüttel an den Bäumen

 und kracks, da fällt ein dicker Ast.

 Im Rinnstein sieht man's gurgelnd schäumen,

 Familie, renne ohne Rast!

 

 Ich will euch doch nur nett erschrecken

 und mit euch Sturmerprobung spielen.

 Es soll euch für das Wetter wecken,

 sensibel zu den Klimazielen.

 

Da nimmt er`s Kindlein auf den Arm

 und lässt das Dreirad einfach stehen.

 Er hält es sicher, er hält es warm,

 der Supermarkt ist schon zu sehen.

 

 Der Wind, er reißt den Schirm hinfort,

 so wird es schnell ein Riesenschreck.

 Erreichen nass den Einkaufsort,

 doch Schirm und Dreirad sind jetzt weg.

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