Die Leser und Leserinnen haben entschieden. Hier die drei meistgevoteten Texte aus 2019!

1. Platz

Jun 2019

 

Ingo Rosner: Pflanzzeit

 

 

 

"Es muss was getan werden - jetzt sofort und hier" sagte ich mir. Es ist Frühling und das heißt Pflanzzeit. Ich habe zwar keinen Garten, wohl aber einen Balkon, an dessen Geländer drei Blumenkästen hängen und auf dessen Grund zwei große Blumenkübel stehen.

 

Nun ist es aber so: Ich verfüge zwar über mehr als einen Daumen, aber die sind beide nicht grün. Ich weiß auch gar nicht, warum alle Welt zu Gärtnern werden sollte. Die waren doch immer auch die Mörder. Also, ne, da möchte ich mich nicht einreihen. Erst das Individuum unter die Erde bringen und dann schön bepflanzen können. Das ist mir zu viel Widerspruch.

 

Außerdem ... Grünzeug macht auch Arbeit, seien wir doch mal ganz ehrlich. Das ist mit einer einmaligen Aktion nicht getan. Das ist mit künstlichen Blumen ganz anders, aber ganz anders. Einmal gekauft, ab in die Vase und auf den Tisch. Und wenn ich dann abends beim Einnehmen meines Abendbrotes neben die Chipstüte greife und die Vase umschmeiße, ist das ohne weitere Folgen. Ist ja kein Wasser in der Vase. Ist eigentlich irgendwie ökologisch oder? Spart auch Ressourcen. Wasser soll ja knapp werden die nächsten Jahre. Also, warum nicht jetzt schon mal anfangen zu sparen. 

 

Und immer dieses scheiß Geblühe. Manchmal, wenn ich den "Blues" habe, wenn die Traurigkeit an mir nagt, und ich dann aus dem Fenster auf meine kargen Blumenkästen schaue, denke ich, denen geht's genauso wie mir. Mit denen ist auch nichts los. Und wenn ich jetzt daran denke, dass ich im Falle einer erfolgreichen Bepflanzung seelisch den Kürzeren ziehe, wenn ich sehe, das Grünzeug blüht und strahlt und erfreut sich des Lebens ... Das ist doch nicht fair. Das dem Menschen, also dem mit einem in der Krone, gegenüber untergeordnete Kraut, geht's blendend, und ich welke dahin. Wo bliebe da die Solidarität mit dem Bepflanzer?

 

In der Vergangenheit habe ich immer auf die Selbstheilungskräfte der Natur gesetzt. Will sagen, wenn etwas unbedingt blühen will und dann noch auf meinem Balkon, bitte schön, dann möge der Wind den Samen zu mir herüber wehen, einpflanzen und der Regen möge kraft seiner ihm übertragenen Aufgabe seinen Teil zur Fortpflanzung beitragen. Ich habe Besseres zu tun. Ich muss mir die Fußnägel schneiden oder den Schorf von der Hacke abbimsen. Es gibt immer was zu tun, Hut ab wer's kann, mehr als nur Körperpflege.

 

Und so war es ja auch in der Vergangenheit. Nur wächst in den Ritzen der auf dem Balkon gelegten Platten mehr Grünzeug, als in meinen Blumenkästen oder den beiden Kübeln. Ist die Natur zu blöd? Warum sucht sich der Samen den Boden aus und setzt sich nicht in die eigens dafür von mir liebevoll arrangierten Behältnisse ... Also in den Kästen und Kübeln ist schon Blumenerde, nur damit wir uns nicht missverstehen. Aber nein, Herr oder Frau oder diverser Samen lässt sich zu Boden fallen und lutscht die letzten Reserven unter den Bodenplatten aus, um sie dann später wohl genährt in die Höhe zu heben und für mich zu Stolperfallen werden zu lassen. Wo bleibt da die Dankbarkeit! Ich verstehe das nicht.

 

Ich und die Natur, wir passen irgendwie nicht zusammen.

 

2. Platz

Aug 2019

Joachim Müller   

Somma erkennen           

 

Die Frage stellt sich jung und alt,

vom Enkelsohn bis zu der Omma. 

Es ist schon lange nicht mehr kalt, 

doch wann nennt man das wirklich Somma? 

 

Der Somma bringt die Hitzewellen, 

nicht die vom Klimakterium. 

Da brauchen wir Getränkequellen, 

sonst haut es unser Omma um. 

 

Denn ruck zuck isse dehydriert, 

weil Omma nicht viel trinken tut. 

Likörchen trinkt `se ungeniert, 

Doch das ist nur bei Kälte gut. 

 

Ganz trocken ist die Muttererde, 

drum muss die Omma häufig gießen. 

Das unser Gatten grünlich werde, 

und endlich die Salate schießen. 

 

Es gibt auch Prozessionenspinner, 

da hängt die Omma Wäsche drunter. 

Durch heiße Somma die Gewinner, 

die Härchen machen Omma munter. 

 

Die Wohnungen die werden wärmer 

und Omma lässt den Kittel aus. 

Denn Nylon ist geruchlich ärmer, 

die Omma is ja viel im Haus. 

 

Das Wasser hat schon Badewärme, 

drum mit der Omma an den Strand. 

Mit lecker Bratwurst im Gedärme 

und Hansa in der freien Hand. 

 

So sitzen wir an schönen Tagen, 

an unserm Dortmund – Ems Kanal. 

Ich hör schon unser Omma sagen, 

genau so schön wie letztes Mal. 

 

Am Abend kommen auch die Mücken, 

die stürzen sich auf Ommas Beine. 

Da hat `se nämlich Kleiderlücken,

die Omma stechen `se wie keine. 

 

Und später gibt es ein Gewitter, 

da wird die ganze Omma nass. 

Zum Heimweg gibt es dann Gezitter, 

im Garten füllt `s das Regenfass. 

 

Den Supermärkten fehlt der Sprudel, 

denn jeder trinkt drei Liter aus. 

Drum holt die Omma, diese Nudel 

`nen Kasten Hansa uns nach Haus. 

 

Die Jogger sieht man langsam laufen, 

ob morgens früh, ob abends spät. 

Nur Omma sieht man Hansa saufen, 

wenn sie am Grill die Würstchen brät. 

 

Die heiße Kohle macht sie schwitzen, 

die dicken Füße kann man seh `n. 

Drum darf sie zwischendurch mal sitzen, 

oder in den Keller gehen. 

 

Um uns noch etwas Bier zu holen, 

da lieben wir ja Hansapils. 

Die Hitze macht schon heiße Sohlen 

und überall, da rauchen Grills. 

 

Die Omma, die ist Indikator, 

die weiß wann wirklich Somma ist. 

Den Hansakasten im Rollator, 

damit sie `s Trinken nicht vergisst. 

 

Drum schau auch du genauer hin, 

was macht denn überhaupt die Omma. 

Wenn alles zutrifft ist der Sinn, 

dann haben wir auch wirklich Somma.

 

3. Platz

Nov 2019

Bernhard Dickhut

Was man zum Schreiben so braucht

 

Heute habe ich mir einen Stift gekauft. Eigentlich ist es natürlich kein Stift. Eigentlich ist es ein Kugelschreiber. Aber mein Kugelschreiber kann niemals Kugelschreiber heißen. Mein Kugelschreiber ist ein Stift. Ein Kugelschreiber schreibt mit Kugeln. Eine Kugel trifft Dich ins Hirn und anschließend wird es auf den Grabstein gemeisselt, in das Totenbuch geschrieben, in die Zeitung geschrieben und für die Welt werden Nachrufe geschrieben. Dazu braucht man Schreiber.

 

Daher der Name Kugelschreiber.

 

Kugeln werden in Hüttenwerken produziert. Kugelmachermeister arbeiteten in Contischichten, aßen in Werkskantinen, wenn ihre Frauen zu Mittag vergaßen, den Henkelmann zu bringen. Und abends wenn Kugelmachermeister Feierabend hatten gingen sie zusammen mit den Kugelmachergesellen in Kneipen und soffen. Damit das Haushaltsgeld der Frauen nicht zu üppig wurde.

 

Damals brauchten sie in Kneipen keine Stifte. Heute braucht man Bierdeckel, um mit Kugelschreibern die verschluckten Biere in Strichcodes zu tarnen.

 

Doch schon bald wird man keine Stifte mehr benötigen. Nur noch seine Finger zum touchen, was man früher natürlich nicht tat. Denn wenn Kugelmachermeister jemanden betoutschten, erhielten sie saftige Ohrfeigen.

 

Aber noch braucht man einen Stift. Jeder braucht noch einen Stift. Jeder muß unterschreiben, wenn er ein Konto eröffnet, wenn er ein Auto kauft, wenn er heiratet, wenn er ein Kind kriegt. Nur wenn er geboren wird oder stirbt, braucht er keinen Stift. Da wird für ihn geschrieben. Hoffentlich nicht mit einem Kugelschreiber. Aber ein Kugelschreiber kann niemals Kugelschreiber heißen. Ein Kugelschreiber ist ein Stift. Ein Kugelschreiber schreibt mit Kugeln. Eine Kugel trifft Dich ins Hirn und anschließend wird es auf den Grabstein gemeisselt, in das Totenbuch geschrieben, in die Zeitung geschrieben und für die Welt werden Nachrufe geschrieben. Dazu braucht man Schreiber. Daher der Name Kugelschreiber.

 

Kugeln werden in Hüttenwerken produziert.

 

Stifte kauft man in Schreibwarenfachgeschäften von Schreibwarenfachgeschäftsfachangestellten. von Schreibwarenfachgeschäftsfachangestelltengesellen. von Schreibwarenfachgeschäftsfachangestelltenmeistergesellen.