September 2019

Ingo Rosner

 

Vom E-Bike zum Flash-Transponder

 

 

 

 

 

Perry Rhodan scherte sich einen Dreck um die Belange der Takkarener. Er hatte jetzt keine Zeit zu verlieren, sich von seinem kühnen Vorhaben abbringen zu lassen.

 

In einem alten Schuppen hinter der Kuppel von Astradom hatte er einen erstaunlichen Fund gemacht. Ein zweirädriges Etwas stand an der Wand angelehnt. Vorne und hinten befanden sich stabile Drähte, die jeweils zum Mittelpunkt eines jeden Rades führten. Gehalten war dieses Etwas aus massiven Metallstangen, die in der Mitte eine Art Aufsitz hervorbrachten. An einem Ende dieses Etwas befand sich eine kleinere Metallkonstruktion mit einer Klemmvorrichtung, die es erlaubte sich die Finger einzuquetschen, wenn man unvorsichtig die Schnappvorrichtung herunter sausen ließ.

 

Gegenüber der Aufsitzmöglichkeit konnte bei geübter Haltung eine Querstange ergriffen werden, mit der eines der beiden Räder nach rechts und links geschwenkt werden konnte. Perry überlegte nicht lange und rollte das Etwas aus dem Schuppen in den fahlen Abendhimmel, der nur von Toto-Loko, dem einzigen noch verbliebenen Mond schwach angestrahlt wurde.

 

Er wollte sich Gewissheit verschaffen über die Geschichte dieses ... Etwas und deshalb furzte er seinen Freund, Mausbiber Gucky an, der augenblicklich aus seiner Rosette hervorquoll, noch halb verschlafen, da er mehrere Terra-tuck-tucks schon kein Auge mehr zugemacht hatte. Gucky raunzte Perry mit den Worten an: "Was reißt du mich aus meinem Schlaf? Ich hoffe du hast einen guten Grund!"

 

"Schau dir das mal an", sagte Perry und hielt ihm das Etwas vor die Nase. "Kannst du mir sagen, was das mal war bzw. was man damit gemacht hat?" "E-Bike!", rülpste es aus Gucky. "Ein Fortbewegungsmittel aus alter und wenn ich sage alter, dann meine ich ziemlich alter Zeit. Vermutlich noch aus der Zeit vor der Eroberung von Talam. Was willst du damit anfangen, Perry?"

 

"Ich bin mir nicht sicher," entgegnete Perry, "aber eine innere Stimme flüstert mir, dass ich aus diesem Etwas einen prima Flash-Transponder konstruieren kann, der mich auf meinen Zeitreisen zu neuen Abenteuern begleiten kann. Wo könnte ich nur den Trepterator anbringen, Gucky?"

 

Gucky schaute etwas verwirrt auf den mittleren Metallstrang und sagte: "Vielleicht kannst du den Knubbel hier abbeißen und dort deinen Trepterator befestigen. Ich habe hier noch sechs Flechs-Schnecken in meiner Tasche. Mit denen könnte es doch gehen."

 

"Gute Idee, mein alter Freund", entfuhr es Perry. "Halte mal das ... wie hast du nochmal genannt?" "E-Bike." "Ja, E-Bike." Perry biss ruckartig aber bestimmt den Knubbel von der Metallstange und kaute eine Weile gelangweilt darauf rum. "Schmeckt irgendwie nach Maiskolben, nur viel würziger."

 

Nachdem er auch den letzten Rest dieser Zwischenmahlzeit verschlungen hatte, knetete er mit seinen schwieligen Händen den Trepterator in die gewünschte Form, klebte ihn mit seiner Astro-Spucke an die freigewordene Stelle des E-Bikes und fixierte es mit den sechs Flechs-Schnecken. "Das wäre geschafft," widerfuhr es ihm.

 

"Zeit für einen ersten Test", sagte er, und ließ mit einem schrillen "pfltttepflt" den Trepterator an. Augenblicklich schwang er sich mit seinem geölten Hintern auf den Aufsitz, zählte bis drei und ward nicht mehr gesehen.

 

"Arschloch! Wie komm' ich jetzt wieder nach Hause?" fluchte Gucky, der nun den Heimweg nicht mehr über Perrys Rosette antreten konnte, da die Rosette samt Besitzer bereits das Universum verlassen hatte.

 

 „Und jetzt zu Dir,“ fluchte Glucky weiter. „Hey Du Arschloch, warum wirst Du nie rechtzeitig wach?!“

 

In dem Moment wachte ich auf.

 

Eine seltsame Unruhe trieb mich in meine Garage und tatsächlich: Das E-Bike war weg. Über mir sah ich noch wie ein leichter Schatten über dem Mond wegzog. Dann war alles wieder ruhig.

 

Zwei Uhr in der Nacht.

 

... Fortsetzung in vier Stunden ...

 

August 2019

Joachim Müller

 

          Somma erkennen            

 

 

Die Frage stellt sich jung und alt,

 

vom Enkelsohn bis zu der Omma.

 

Es ist schon lange nicht mehr kalt,

 

doch wann nennt man das wirklich Somma?

 

 

Der Somma bringt die Hitzewellen,

 

nicht die vom Klimakterium.

 

Da brauchen wir Getränkequellen,

 

sonst haut es unser Omma um.

 

 

 

Denn ruck zuck isse dehydriert,

 

weil Omma nicht viel trinken tut.

 

Likörchen trinkt `se ungeniert,

 

Doch das ist nur bei Kälte gut.

 

 

 

Ganz trocken ist die Muttererde,

 

drum muss die Omma häufig gießen.

 

Das unser Gatten grünlich werde,

 

und endlich die Salate schießen.

 

 

 

Es gibt auch Prozessionenspinner,

 

da hängt die Omma Wäsche drunter.

 

Durch heiße Somma die Gewinner,

 

die Härchen machen Omma munter.

 

 

 

Die Wohnungen die werden wärmer

 

und Omma lässt den Kittel aus.

 

Denn Nylon ist geruchlich ärmer,

 

die Omma is ja viel im Haus.

 

 

 

Das Wasser hat schon Badewärme,

 

drum mit der Omma an den Strand.

 

Mit lecker Bratwurst im Gedärme

 

und Hansa in der freien Hand.

 

 

 

So sitzen wir an schönen Tagen,

 

an unserm Dortmund – Ems Kanal.

 

Ich hör schon unser Omma sagen,

 

genau so schön wie letztes Mal.

 

 

 

Am Abend kommen auch die Mücken,

 

die stürzen sich auf Ommas Beine.

 

Da hat `se nämlich Kleiderlücken,

 

die Omma stechen `se wie keine.

 

 

 

Und später gibt es ein Gewitter,

 

da wird die ganze Omma nass.

 

Zum Heimweg gibt es dann Gezitter,

 

im Garten füllt `s das Regenfass.

 

 

 

Den Supermärkten fehlt der Sprudel,

 

denn jeder trinkt drei Liter aus.

 

Drum holt die Omma, diese Nudel

 

`nen Kasten Hansa uns nach Haus.

 

 

 

Die Jogger sieht man langsam laufen,

 

ob morgens früh, ob abends spät.

 

Nur Omma sieht man Hansa saufen,

 

wenn sie am Grill die Würstchen brät.

 

 

 

Die heiße Kohle macht sie schwitzen,

 

die dicken Füße kann man seh `n.

 

Drum darf sie zwischendurch mal sitzen,

 

oder in den Keller gehen.

 

 

 

Um uns noch etwas Bier zu holen,

 

da lieben wir ja Hansapils.

 

Die Hitze macht schon heiße Sohlen

 

und überall, da rauchen Grills.

 

 

 

 

Die Omma, die ist Indikator,

 

die weiß wann wirklich Somma ist.

 

Den Hansakasten im Rollator,

 

damit sie `s Trinken nicht vergisst.

 

 

 

Drum schau auch du genauer hin,

 

was macht denn überhaupt die Omma.

 

Wenn alles zutrifft ist der Sinn,

 

dann haben wir auch wirklich Somma.

 

Juli 2019

Bernhard Dickhut

 

Hitze, Schweiß und Schüsse

 

 

 

Es ist heiß. Es ist unerträglich heiß. Hätte man ein Thermometer, würde es weit über 50 Grad anzeigen. Unerbittlich brennt sich die Sonne in die Stadt und dörrt gnadenlos alles aus, was ihre Strahlen erreichen können. Die Luft flimmert als sei sie eine einzige brennende Flamme. Auch der Wind treibt die Hitze vor sich her und einen Ballen Heu durch die Mainstreet. Hustende Pferde aus den hölzernen Stallungen atmen verbrannte Luft und lechzen nach Tropfen warmen Wassers.

 

Phönix-City scheint ausgestorben. Die Fenster der Holzhäuser sind verhangen. Nur aus dem Saloon dröhnen rauchige Gesänge. Sonst nichts. Doch aus der Ferne hört man Pferdehufe, die sich im Takt des Galopps der kleinen Stadt nähern.

 

Um die Stadt herum nur weite trocken verdorrte Prärie.

 

Drei Reiter nähern sich der Stadt. Sie hinterlassen eine riesige Staubwolke ehe sie am Eingang von Phönix-City das Tempo drosseln und im leichten Gang die Mainstreet behufen.

 

Während sich die Staubwolke in der weiten Prärie langsam verliert, wird die Saloontür aufgestoßen. Kitty tritt in die Unerträglichkeit der Hitze. Sie wischt sich den sofort eingetretenen Schweiß von der Stirn. Ihr gehört der Saloon. Jedenfalls glauben das alle. In der flirrenden Luft ist es völlig egal, wem der Saloon gehört.

 

Kitty winkt den drei Reitern zu.

 

Man kennt sich.

 

Jim, Jo und Jack tragen ihre schwarzen Hüte tief in ihre Gesichter gezogen, die von der Sonne ledergegerbt und von vielen Narben durchzogen sind. Ihre langen Bärte bilden mit den Mähnen der Pferde eine eingeschworen verfilzte Einheit. Wie auf ein Kommando straffen sie die Zügel.

 

Sie halten ihre Pferde vor Kitty an.

 

Abgesprungen sichern sie ihre Colts, nehmen ihre Gewehre aus den Satteltaschen und lassen die Pferde von Sam, Kittys Koch, in die Stallungen führen, wo sie wie alle Pferde gleich zu husten beginnen und nach Tropfen warmen Wassers lechzen.

 

Die drei selbst folgen Kitty in den Saloon.

 

Die Meute nimmt kaum Notiz von ihnen.

 

Sie setzen sich an den Tisch, auf dem ein schwarzer, verschwitzter Hut anzeigt: Hier ist reserviert.

 

„Whiskey?“, fragt Kitty.

 

Die drei schütteln den Kopf.

 

„Apfelschorle!“

 

Kitty lächelt. Schließlich gibt es bei ihr die beste Apfelschorle des gesamten Westens.

 

Bis auf Sam, dem Koch, trinkt hier keiner Whiskey, obwohl der Saloon bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Mit verschwitzten Cowboys und gepuderten Ladies. Der verstörend unangenehme Menschengeruch ist das Einzige, was die Hitze nicht zu versengen weiß.

 

Jim, Jo und Jack schieben ihre Schweißtücher über ihre Nasen und bleiben stumm.

 

Wie plötzlich auch die gesamte Meute im Saloon verstummt.

 

Santiander.

 

Er ist gekommen.

 

Er steht im Eingang, in der offenen Tür. Auch er stumm. Er - mit dem ledernen Hut und einem Halm Heu im Mund, um den sich ein hartes unrasiertes Kinn schält, über den sich ein kaltblütiger Blick in seine Augen gefräst hat.

 

Alle kennen ihn. Alle kennen seinen Schuss. Jede seiner Patronen findet  Herz oder Stirn oder was auch immer Santiander meint treffen zu müssen.

 

Santiander wirft seinen Blick durch das Lokal. Er überfliegt die verstört verschwitzten Cowboys und die erschreckt gepuderten Ladies. Lächelnd spuckt er seinen vergilbten Rotz auf den Boden ohne den Heuhalm aus seinem ebenfalls vergilbten Gebiss zu verlieren.

 

Doch dann entdeckt er sie.

 

Jim, Jo und Jack.

 

Er starrt auf deren Tisch, spuckt auch seinen Heuhalm in den Rotz auf den Boden. In Windeseile liegen seine beiden Colts in der Hand. Er schießt so schnell hintereinander, dass nur ein Knall zu hören ist, als sei es nur ein Schuss.

 

Die drei Apfelschorlegläser zerspringen. Die Schüsse spritzen klebrige Tropfen in die sonnengegerbten Gesichter der drei.

 

Kitty stemmt ihre zarten Hände in ihre Hüften.

 

„Was soll das?“, schreit sie Santiander herausfordernd an.

 

„Bring mir einen Erntetrunk!“, antwortet der kühl.

 

Während er seine Colts verstaut, bemerkt er, dass auch sie da ist. Die alte Dame drängt sich an Kitty vorbei.

 

Santiander erblasst. Sie geht auf ihn zu, spuckt in ihre Hand und entfernt mit der Feuchtigkeit einen miesen Drecksfleck von seinem Gesicht.

 

Sie sieht ihn an und sagt: „Nimm ne Apfelschorle!“

 

„Ja, Mama“, antwortet er brav und setzt sich auf einen eilends herbeigeholten Hocker.

 

Dann klatscht Kitty in die Hände.

 

„Jetzt kann es losgehen!“

 

Die Meute jubelt, während sie die Petroleumscheinwerfer entflammt und auf Jim, Jo und Jack zeigt.

 

„Endlich haben sie es mal zu uns geschafft: Die drei von Ruhrlesen!“

 

Ihre Ankündigung klingt fast euphorisch.

 

Der Saal tobt.

 

Jim hat sich irgendwoher eine Gitarre geschnappt und schon legen sie los.

 

„Hi, Folks!“

 

Juni 2019

Ingo Rosner

 

Pflanzzeit

 

 

 

 

"Es muss was getan werden - jetzt sofort und hier" sagte ich mir. Es ist Frühling und das heißt Pflanzzeit. Ich habe zwar keinen Garten, wohl aber einen Balkon, an dessen Geländer drei Blumenkästen hängen und auf dessen Grund zwei große Blumenkübel stehen.

 

Nun ist es aber so: Ich verfüge zwar über mehr als einen Daumen, aber die sind beide nicht grün. Ich weiß auch gar nicht, warum alle Welt zu Gärtnern werden sollte. Die waren doch immer auch die Mörder. Also, ne, da möchte ich mich nicht einreihen. Erst das Individuum unter die Erde bringen und dann schön bepflanzen können. Das ist mir zu viel Widerspruch.

 

 

Außerdem ... Grünzeug macht auch Arbeit, seien wir doch mal ganz ehrlich. Das ist mit einer einmaligen Aktion nicht getan. Das ist mit künstlichen Blumen ganz anders, aber ganz anders. Einmal gekauft, ab in die Vase und auf den Tisch. Und wenn ich dann abends beim Einnehmen meines Abendbrotes neben die Chipstüte greife und die Vase umschmeiße, ist das ohne weitere Folgen. Ist ja kein Wasser in der Vase. Ist eigentlich irgendwie ökologisch oder? Spart auch Ressourcen. Wasser soll ja knapp werden die nächsten Jahre. Also, warum nicht jetzt schon mal anfangen zu

sparen.   

 

 

Und immer dieses scheiß Geblühe. Manchmal, wenn ich den "Blues" habe, wenn die Traurigkeit an mir nagt, und ich dann aus dem Fenster auf meine kargen Blumenkästen schaue, denke ich, denen geht's genauso wie mir. Mit denen ist auch nichts los. Und wenn ich jetzt daran denke, dass ich im Falle einer erfolgreichen Bepflanzung seelisch den Kürzeren ziehe, wenn ich sehe, das Grünzeug blüht und strahlt und erfreut sich des Lebens ... Das ist doch nicht fair. Das dem Menschen, also dem mit einem in der Krone, gegenüber untergeordnete Kraut, geht's blendend, und ich welke dahin. Wo bliebe da die Solidarität mit dem Bepflanzer?

 

 

In der Vergangenheit habe ich immer auf die Selbstheilungskräfte der Natur gesetzt. Will sagen, wenn etwas unbedingt blühen will und dann noch auf meinem Balkon, bitte schön, dann möge der Wind den Samen zu mir herüber wehen, einpflanzen und der Regen möge kraft seiner ihm übertragenen Aufgabe seinen Teil zur Fortpflanzung beitragen. Ich habe Besseres zu tun. Ich muss mir die Fußnägel schneiden oder den Schorf von der Hacke abbimsen. Es gibt immer was zu tun, Hut ab wer's kann, mehr als nur Körperpflege.

 

 

Und so war es ja auch in der Vergangenheit. Nur wächst in den Ritzen der auf dem Balkon gelegten Platten mehr Grünzeug, als in meinen Blumenkästen oder den beiden Kübeln. Ist die Natur zu blöd? Warum sucht sich der Samen den Boden aus und setzt sich nicht in die eigens dafür von mir liebevoll arrangierten Behältnisse ... Also in den Kästen und Kübeln ist schon Blumenerde, nur damit wir uns nicht missverstehen. Aber nein, Herr oder Frau oder diverser Samen lässt sich zu Boden fallen und lutscht die letzten Reserven unter den Bodenplatten aus, um sie dann später wohl genährt in die Höhe zu heben und für mich zu Stolperfallen werden zu lassen. Wo bleibt da die Dankbarkeit! Ich verstehe das nicht.

 

 

 

Ich und die Natur, wir passen irgendwie nicht zusammen.

 

Mai 2019

Joachim Müller

Erste warme Tage

 

Seit Ostern schon sitzt er im Shirt,

mit Laptop auf dem Stadtbalkon.

So lockte es den blassen Nerd,

den Sonnenbrand hat er davon.

 

Es lockte ihn der Duft der Blüten,

das Wlan reicht ja bis hier her.

Hier wächst auch Hanf für seine Tüten,

die lindern Sonnenbrände sehr.

 

Die Nachbarn wollen heute grillen,

so steigt Rauch vom Balkon empor.

Das Würstchen kriegt vom Rost die Rillen,

ein Radio dringt an das Ohr.

 

Holzkohle, Kottelets und Butter,

so wie ein leck`res Hansapilz.

Jetzt erscheint auch unser Mutter,

das erste Bier geht auf die Milz.

 

Verlassen wir die Stadtbalkone

und schauen raus in die Natur.

Da radelt Vater mit dem Sohne,

verweigert einen Schutzhelm – stur.

 

Schlecht vorbereitet sind die Beiden,

mit wenig Luft und Sattel tief.

So werden die Gesäße leiden,

das Sportshirt produziert jetzt Mief.

 

Das Grün ist satt, wird immer satter,

ein Baumstamm liegt am Wegesrand.

Dort sitzen nun der Sohn und Vatter,

das Fahrrad fällt, weil es falsch stand.

 

Ein Bächlein lässt die Stille tönen,

ein kleines Fröschlein hüpft vorbei.

Den warmen Wind kennt man vom Fönen,

so mild ist `s heute um halb zwei.

 

Die Radler machen weiter Pause,

was auch Insekten intressiert.

Besonders Bremsen sind zur Jause,

vom Duft der Schwitzer irritiert.

 

Aus feuchten Wiesen aufgestiegen,

vom Menschen dufte angelockt.

Sie lustig auf die Waden fliegen,

grad wo der schlappe Radler hockt.

 

So freut man sich in Wald und Wiesen,

oder auf den Stadtbalkonen.

An warmen Tagen, so wie diesen,

kann sich der Mensch mal selbst belohnen.

April 2019

Bernhard Dickhut

Unter Männern

 

Auch den unscheinbaren Durchgang würde ich niemals finden, würde mich nicht meine Frau an genau diese Stelle führen, an der es eine unbequeme kunstlederbeschichtete Sitzreihe gibt, auf der sie mich zu weiteren Männern zwischengeparkt. Ausserdem gibt es dunkle Stores, mit denen Blicke in schmale Kabinen verhindert werden.Einen dieser blickdichten Stores zieht meine Frau hinter sich zu. Vorher hatte sie mir ausführlichst erklärt, warum sie dringlich eine neue Bluse brauche, mit einem Tupfer grün und ein bisschen kesser geschnitten als die mit dem Tupfer blau. Ich beobachte den Spalt unterhalb der Stores, die Füße, die sich heben und senken, die sich mal quer, mal längst zum Vorhang stellen, sich mal nackt und graziös bewegen, sich mal fest und platt an den Boden pressen. Auch die neben mir sitzenden Männer betrachten das Entkleiden von Damenfüßen ohne ihre mitgebrachten Tüten aus den verschiedensten Geschäften aus den Augen zu lassen. 

Neben mir sitzt der Mann zu Kabine 3. Er ist etwas älter als ich und ohne seinen tiefen Scheitel links - würde er mindestens so kahl aussehen wie ich. Er hat etwa fünf oder sechs Tüten zu bewachen.

Ich pass schon auf, sag ich generös zu ihm, als sie ihn ruft und ihre Füße quer zum Store stellt. Er steht auf, zwängt seinen Kopf zwischen das hell gestrichene Pressholz und den grauen Vorhang, um ja niemand anders einen Einblick zu gewähren. Aber auch so, dass seine Frisur nicht verrutscht.

Eigentlich will ich die Bewegungen der Füße seiner Frau sehen. Aber dann spricht er. Er spricht laut und deutlich und doch kann ich es nicht fassen.

Er sagt: Das steht Dir richtig gut. Und würde auch zur beigen Hose passen, die Du vor drei Wochen bei Müllers anhattest.

Ich bin erschüttert. Weiß ich doch nicht einmal, was meine Frau getragen hat, als sie den grauen Store hinter sich zugezogen hatte. Und das war erst vor wenigen Augenblicken. Kein Mann weiß, was seine Frau trägt, sobald sie sein Blickfeld verlässt. Und wenn er es wüsste, er würde es niemals sagen.

Das ist Solidarität.

Der Mann kommt vergnügt mit weiterhin gut sitzendem Scheitelhaar zurück. Mir zunickend übernimmt er seine Tüten und zählt sie sicherheitshalber nach.

Während ich mich wieder den Füssen widme, während ich überlege, ob man den Fußblick besser ausleuchten könne, ob ich jeden Fuß gern sehen würde, welche der gezeigten Füße mir am besten gefallen, welche weniger gut und wie man das Tragen von Strümpfen reglementieren könnte, stößt mein Nachbar mich kumpelhaft an, als wären wir alte Freunde.

Sie trägt noch immer 38. Sagt er. Zu mir.

38? Ich sage: Ich hab 45 bei Laufschuhen sogar 46.

Jetzt antwortet er mir nicht mehr.

Sie trägt noch immer 38. Vielleicht meint er, dass sie 38 Tüten quer durch die Stadt tragen könne.

Achtunddreißig Tüten. Achtunddreißig Plastiktüten. Die nur scheinbar nichts kosten, weil es sie umsonst gibt. Jede Hose eine eigene Tüte, jede Unterhose, jedes Unterhemd, jede Möhre, jeder Strumpf, jeder Gedanke, jede Idee - je eine eigene Tüte. Zuhause ausgepackt und schon in den Müll, auf die Halde ins Wasser, in den Fluss ab ins Meer. Da sterben die Fische, die Algen und wir sehen nichts. Nur die Tüte, die ist ja umsonst.

38? Frag ich ihn erneut. 38? Frag ich ihn lauter. 38?

Er nimmt seine sechs Tüten, schleicht sich vorsichtig an mir vorbei, schiebt genauso vorsichtig den Kopf in Kabine 3. Diesmal flüstert er. Ich verstehe kein Wort. Dann schiebt er ab. Er sieht sich nicht mehr um. Nicht nach mir, nicht nach den Füßen.Ich hätte ihm das mit den Tüten erklären müssen. Dann würde er sich als Mahner in die Einkaufsmeile stellen. Er würde alle überzeugen, zukünftig auf Tüten zu verzichten.

Kaum ist er weg, plane ich schon meine Rede. Ja, ich werde die Welt retten. Beim nächsten Mal, wenn mich meine Frau hier parken wird, werde ich sogar meinen Laptop mitnehmen.Inzwischen hat meine Frau ihre Schuhe wieder angezogen und ihre Kabine verlassen.Sie schlägt vor, noch einen Kaffee zu trinken. Sie muss nur noch kurz zur Toilette.

Also setz ich mich wieder. Eine neue Frau zieht in die Kabine meiner Frau ein, die Stores hinter sich zu und ihre Schuhe aus. Der Mann dazu setzt sich neben mich. Er klappt seinen Laptop auf. Er wartet nur einen kurzen Augenblick – bis er mich kennt.

Dann legt er los: Sagen Sie mal, wie viele Tüten haben Sie da eigentlich? Die schmeißen Sie doch alle in den Müll.

Ich will seine Präsentation nicht sehen. Keine verendenden Fische. Keine vermüllten Strände. Kein beißender Geruch von Elend, Untergang und schlechtem Gewissen. Er fragt und fragt, hört wohl nie mehr auf zu fragen. Doch davon will ich jetzt nichts wissen. Ich will einfach nur, dass meine Frau kommt, dass sie mir den Weg zeigt, wie ich hier heil herauskommen kann mit all den Tüten, dass wir uns einen Kaffee bestellen und wir ein Stück Kuchen mit Sahne essen.

Und, dass Füße wieder in Schuhen stecken.

 

 

März 2019

Joachim Müller

Kann das schon Frühling sein?

(Frühling erkennen)

 

Nach tristen, trüben, grauen Tagen,

erlangt die Sonne neue Kraft;

Und provoziert jetzt unsre Fragen,

hat `s der Frühling schon geschafft?

 

Zur Hilfe hier nun Tipps und Fakten,

die Frühlingsboten klar benennen.

Wenn wir im Winterblues versackten,

so können wir Ihn nun erkennen.

 

Zum Ersten sind die Tage wärmer,

doch sind die Nächte noch recht kalt.

Die Dunkelheit an Länge ärmer,

der Lerchen Ruf schon früh erschallt.

 

Wenn Kraniche den Rückflug wagen,

weil klarer Sonnenschein sie lockt;

und dieses an drei Wochentagen,

dann hat ´s der Winter wohl verbockt.

 

Die Krokusse und Osterglocken

durchdringen mattes Wiesen grün.

Das haut die Hummeln aus den Socken,

wenn erste Frühlingsblüher blüh `n.

 

Die Sträucher wollen explodieren,

Forsythien steh `n kurz vor gelb.

Das kann Gefühle irritieren,

die graue Seele kriegt nun „Help“.

 

Wenn jetzt auch noch die Kröten wandern,

die schleppen ja den Mann herum.

Vom Winterschlaf zu einem andern

Ort, wird `s für so Kröten dumm.

 

Denn durch das schwere Manngepäck,

wobei die Beiden sich grad paaren.

Kommt Krötenfrauchen nicht vom Fleck

und wird auf Straßen überfahren.

 

So sind die großen Krötenflatschen,

die Zeugen von Sexheiterkeit.

Ob auf den Straßen oder Latschen,

Indizien für Frühlingszeit.

 

Die Bäume lassen Pollen fliegen,

Birken, Erlen, Haselnuss.

Wovon wir Alergieen kriegen,

das ist ein doofer Frühlingsgruß.

 

Die Nasen triefen, Augen brennen,

und manchem rötet es die Haut.

So sieht man sie zu Ärzten rennen,

Der Frühling wird durch Niesen laut.

 

Wer aber von der Pein verschont ist,

dem steigen langsam die Hormone.

Wenn du von Amors Pfeil belohnt bist,

dann steig zu Julias Balkone.

 

Nun Leser, dieses sollte reichen,

Knospen, Kraniche und Kröten.

Das sind doch viele Frühlingszeichen,

zudem bist du in Liebesnöten.

 

Platte Kröten, Hummelflug,

Frühlingsblüher muss man nennen.

Niesatacken, Liebestrug,

so kannst den Frühling du erkennen.

Februar 2019

Ingo Rosner

Shit happens

 

 

 

Horst Seehofer hat gesagt, die Migration sei die "Mutter aller politischen Probleme". Eine sehr interessante Aussage, über die ich kurz nachgedacht habe und zu folgendem Ergebnis gekommen bin: Das Problem sitzt viel tiefer ... auch in uns. Wir denken vom Kopf her, sollten das Ganze aber mal von der "goldenen Mitte" aus betrachten. Das zentrale Problem und damit die Mutter aller Probleme sind doch die ..., genau, TIEFSPÜLER. Wir wollen das Produkt unseres Daseins einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Gleich runterspülen, wie eine schlechte Nachricht mit einem Bier und 'nem Korn. Dabei wird übersehen, dass uns dadurch wertvolle Informationen unwiederbringlich verlorengehen.

 

Ich sach immer: "Das Auge kackt mit, die Nase sowieso." Aber warum in Gottes Namen entledigen wir uns unserer Exkremente derart schnell und schenken dem zuvor im Darm Warm-Liebgewonnen so wenig Aufmerksamkeit, Zuwendung, Herzlichkeit ... Der Kot eines jeden Einzelnen von uns ist ein unverwechselbarer Fingerabdruck, er drückt in seinem zarten Dasein die Einzigartigkeit und auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Spezies "Mensch" oder das, was wir zumindest darunter verstehen, aus. Und wir sind damit sogar mit allen Lebewesen auf eine nonverbale Art verbunden und begreifen uns damit als Teil von etwas sehr, sehr, Großem.

 

Mein Wahlspruch am Morgen: "The shit of the day, keeps the doctor away" lässt mich behände aus dem Bett hochfahren in freudiger Erwartung dessen, was da aus mir kommt. "Kopf-frei-Funktion" habe ich den täglichen Entleerungsvorgang deshalb getauft und wenn's gut läuft, vollzieht sich der Akt der Entspannung sogar mehrmals täglich.

 

"Liebe geht durch den Magen", heißt es im Volksmund, aber wenn der Gourmet den "Mund voll nimmt", ergänzt er liebevoll: "Scheiße tost durch den Enddarm, Richtung Karaffe mit Blick von unten auf den sich Entledigenden". Ältere unter uns wissen, "Man muss es nicht nur hier, sondern auch hier ..." (mit Blick auf ihre Oberarme) "... und besonders auch im Schließmuskel haben".

 

Die wahrhaften und wichtigen Dinge des Lebens finden somit nicht im Oberstübchen statt, womit wir alle in der "Mitte des Lebens" angekommen sind.

 

Und wie sieht's mit einer kleinen "Entnahme" aus, umgangssprachlich auch "Stuhlprobe" genannt? "Wer die Entnahme ehrt, lebt mit dem Tiefspüler verkehrt!" - eine alte indische Weisheit - glaub' ich zumindest. Schon mal versucht, dem Tiefspüler ein kleines Pröbchen zu entlocken? Also, ich schwöre auf FLACHSPÜLER - die einzig wahren unter den Auffangbecken. Darum: "Flachspüler forever!".  Sollte Herr Seehofer sich auch zulegen, um noch einmal einen Blick auf sein "Output" zu werfen.

 

In diesem Sinne: "Shit happens!".

 

Januar 2019

Bernhard Dickhut:

Es ist wie es ist

 

Es ist wie es ist. Es ist da. Wir können es tasten, spüren oder sehen. Es ist wie es ist. Es kann von Vorteil sein, es einfach zu belassen, wie es ist. Weil es gut so ist oder weil es sich nicht lohnt.

Oder weil es dich zur Verzweiflung bringen würde. Dann ist es schon gut zu wissen, dass es nicht nur ist, wie es ist, dass es auch geworden ist, wie es ist. Der Schrank war mal ein Baum oder Öl, der alte Mann mal ein Teenie und die Kohle war mal ein Urwald.

Dann ist es auch gut zu wissen, dass es auch nicht bleibt wie es ist, dass es sich ändern wird. Auch, wenn es viele Jahre braucht.

Aber sie ist da, diese Chance.

Auch die Industriedenkmäler sind wie sie sind. Wir können sie tasten, spüren oder sehen. In unserer Zeit, in der wir sie eigentlich gar nicht mehr brauchen. Gebaut - als seien sie stolze Nachfahren von Schlössern oder Burgen. Wir schwärmen von ihrem Anblick, den Hallen aus Stahlträgern, den riesigen Rädern umrahmt von Stahlgerüsten, den Anlagen in Backstein, den vielen Details. Wir fragen uns, was hat man sich für Mühen gegeben mit Gebäuden, die eigentlich nur dem Geldverdienen dienten. Wir ahnen den Stolz, mit dem sie errichtet wurden.

Wir schauen darauf, als wäre es die heile Welt. Und als die letzte Zeche geschlossen wurde, schauen wir auch auf den Kumpel und meinen, das Kumpelige, das Miteinander- und Füreinandereinstehen gibt es nicht mehr. So heil war die Welt.

Aber es ist wie es ist.

Erst vor knapp 200 Jahren hat es begonnen mit der Industrie nahe der Ruhr. Schnell wurden aus kleinen Dörfern riesige Städte. Es gab einen Zuzug von weither. Die Maloche war Hochleistungssport von morgens früh bis abends spät. Vom Anfang des Jahres bis zu dessen Ende. Und dann wieder von vorn.

Damit die Familie zuhause ihre Suppe löffeln konnte, wurden riesige Meißel und Maschinen bewegt und die Staublungen nach hause getragen. In solchen Zeiten brauchte man den Kumpel mehr denn je.

Vielleicht  zog man durch schöne Gebäude, wahrscheinlich hat man sie gar nicht wahrgenommen. Denn eigentlich ging es tief in die Erde oder in die unerträgliche Hitze des Stahlwerks.

Die Zeit verging und vergeht weiter und früher war nicht alles besser.

Die Gebäude, Fördertürme, Malakofftürme haben wir erhalten. Und auch den Stolz auf sie. So wie es sich die Fabrikanten damals gewünscht hätten. Und ab und zu glauben wir auch den Schweiß der Arbeiter zu riechen, der zu jeder Fuge und Nut gehört.

Es ist wie es ist und doch ist es nicht wie es ist.

Es musste erst werden wie es ist.